Leben im Rabenhof

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In nüchternen Zahlen klingt es so: 50 000 Quadratmeter, 78 Stiegen, neun Innenhöfe, ein Kindergarten, eine Volkshochschule, Wäscherei und Parteibüro, einige kleine Läden, ein Theater – und etwa 1200 Mieter. Sagt man aber „Rabenhof“, dann ist das der Inbegriff des Gemeindewohnungsbaus in Wien. Geplant wurde dieses schöne Stadtquartier von Heinrich Schmid und Hermann Aichinger Ende der 30er.

100_1412 Denkt man in Deutschland an den sozialen Wohungsbau der Kommunen, kanns einem ja mit schöner Regelmäßigkeit übel werden. Es gibt nur wenige erfreuliche Ausnahmen. Der Wiener „Rabenhof“ ist in der Reihe der Gemeindebauten an der Donau ein echtes Schmuckstück, zumindest von außen und aus architektonischer Sicht betrachtet. Ein schönes, stimmiges Ensemble mit Durchgängen, Plätzen und Torbögen, großzügigen Innenhöfen mit Pergolen und Teppichstangen, zwei gut proportionierten Hochhäusern, vielen wunderbaren kleinen Details, verspielt, schnörkelig, hübsch anzusehen. Der Rabenhof ist eines der Markenzeichen der Wohnungsbaupolitik im „roten Wien“ – den Namen freilich erhielt die Siedlung von den Austro-Nazis. Ganz ursprünglich war das Quartier benannt nach dem intellektuellen Kopf der Arbeiterzeitung, Friedrich Austerlitz.

100_1419Fünf Jahre lang wurde der Rabenhof Anfang der 90er mit Millionenaufwand grundlegend saniert, dabei wurden zur Freude der Bewohner auch Aufzüge eingebaut und die außenliegenden Stiegen glasverkleidet. Das stört etwas den Gesamteindruck. Trotzdem ist diese kleine geschlossene Stadt in der Stadt sehenswert.

100_14221Und wie sich das gehört, gibts im Rabenhof einen Mieterbeirat. Freilich erst seit 22 Jahren, seit der Renovierung. Damals nahmen sich die Herren Johann Beisel, Rudolf Frey und Hermann Schlögel den Sorgen und Nöten der „Rabenhöfler“ an. Und das – so schreiben sie auf ihrer Homepage – hörte sich dann ungefähr so an: „Herr Beisel, wann kumman denn endlich die neichen Fensta?“ .Oder: „Sagns Herr Schlögel, wann funktioniert denn endlich die Hofbeleuchtung wieder, da is ja stockdunkel im Hof, da muaß ma sie ja firchten wenn ma am Abend hoam kummt!“. Noch einer ? „Herns, wie lang dauert des denn no mit de Aufzüg, des Loch im Haus is ja schiarch und wann sie wer dastesst, kennt a jo eineflieagn und weh tuan!“.

100_1431Vor zehn Jahren haben sich zwei wackere Damen der Herren erbarmt. Johann Beisel, Silvana Borecek und Gabriela Mantler – sie nennen sich selbst das „Trio Infernal“ – sind jetzt Sprecher der Mieter. Und Sprechstunde ist wie gehabt jeden Dienstag zwischen 18 und 19 Uhr auf der Stiege 36. Sie schreiben für ihr eigenes Blattl – und am Pranger werden all die Dinge öffentlich dargestellt, die das Trio und die meisten der Bewohner saumäßig ärgern.

Ganz besonders stolz sind die Menschen vom Rabenhof auf „ihr“ Theater. Früher war es mal ein Lichtspielhaus – seit eineinhalb Jahrzehnten eine der frechsten und kreativsten Spielstätten der Stadt. Hier ermittelt Kottan auf der Bühne, Stermann & Grissemann spielen eine „deutsche Kochschau“ und „Maschek redet drüber“. Über Politik, österreichische Politik im Allgemeinen und über die Grauen einer großen Koalition und rechtsradikaler Stimmenfänger im Besonderen – und über die Sorgen der kleinen Leute. Kleine Leute, wie sie im Rabenhof leben.

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7 Gedanken zu “Leben im Rabenhof

  1. Schöner Beitrag! Schöne Balkone! Da haben die Wiener in den späten 20er Jahren wohl auch die eine oder andere (gibt’s mehr?) zukunftsweisende Siedlung gebaut, so wie es in Berlin auch war (Stuttgart auch, übrigens). Interessant.

    1. Wien besteht auf den ersten Blick nur aus k.u.k. Prunkbauten oder aber gemeindlichen Wohnblöcken. Bekannt ist natürlich vor allem der Karl-Marx-Hof, ein gewaltiger (und sehr schöner) Block für annähernd 6 000 Menschen. Aber es gibt natürlich auch viele mausgraue Teile aus den 50er und 60er Jahren.

      Andererseits: die bemerkenswert komplett erhaltene Werkbundsiedlung in Wien gammelt schrecklich vor sich hin. Mehr dazu bald an dieser Stelle.

  2. Da capo! Da capo! Wunderbar!
    Da sieht man es wiedermal – man muss sich nur regelmäßig den besten Schwaben wo gibt auf großer Kugelwelt importieren, und schon lernt man ein wenig Heimatkunde. Ich bin ja beschämenderweise noch nie auf die Idee gekommen, über den Rabenhof zu recherchieren (Stermann würde das bezeichnend charmant „zu blöd, um aus dem Bus zu winken“ titulieren, stimmts? ^^).

    Aber eine Frage noch: mir fehlt das Foto der Gemeindebaudame mit Hund. Wo ist die Grand Dame des Rabenhofs geblieben?

      1. Der Wiener (Gemeindebau-)Hofstaat ist Ihnen zu höchsten Dank verpflichtet und sendet ein dreifaches Vivat! Vivat! Vivat! *Rotztüchlein zückend*

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