Die vielen Leben von Kommissar Berndorf

100_1346Ich mag  gute Bücher. Ich mag schöne Bücher. Ich mag gebundene Bücher. Die fühlen sich gut an, die machen auch was her, die überstehen auch Umzüge – nur standtauglich sind sie nicht. Solche Bücher haben einen klitzekleinen Nachteil: sie sind zwar zumeist ihr Geld wert, aber deshalb  sind sie noch lange nicht günstig. 

Nehmen wir einmal den Autor Ulrich Ritzel. Ich mag seine politischen Kriminalromane, ich mag seinen granteligen Ermittler Berndorf aus Ulm, dessen lesbische Assistentin Tamar Wegenast, den ganzen Ulmer Klüngel und die klugscheißenden LKA- Beamten aus der Landeshauptstadt. Ritzel, der ehemalige Zeitungsmann und Gerichtsreporter, war einer der ersten und ist einer der besten Schreiber deutscher Regionalkrimis.

Kaufe ich nun beispielsweise seinen Erstling „Der Schatten des Schwans“ von 1999 aus dem Libelle-Verlag, zahle ich dafür im Buchhandel 19,50 Euro. Nun bin ich seit längerer Zeit ein sehr  zufriedener Besitzer von fünf Ritzels.Das macht also … ziemlich viel.

100_1341In der schönen ehemaligen Freien Reichsstadt Esslingen bin ich jetzt auf eine simple aber sehr geniale Lösung dieses Problems gestoßen: das „LESEKARUSSELL“, sozusagen ein literarischer Wertstoffhof.

 Und so funktioniert das Prinzip.

Irgend ein Trottel, in diesem Fall also ich, kauft sich den Ritzel zum Ladenpreis, verschlingt ihn und gibt ihn ab in dieser ungewöhnlichen Buchhandlung. Dort wird er gereinigt (Jawoll, gereinigt, liebevoll, mit zarten Händen und zur Not mit einem feinen Schmirgelpapier) und dann wieder verkauft. Sieht fast aus wie neu – kostet jetzt aber nur noch 7,90 Euro. Und der oberschlaue Zweitleser sieht auf dem Preisschild auch schon, was er wieder erwarten darf, wenn er das Buch zurückbringt, zur Generalüberholung – 3,50 Euro. Und so  dreht sich das Karussell der Bücher weiter, bis sich das Buch in Staub auflöst (oder so ungefähr). Eine großartige Idee, die den Leser und die Betreiber des Lesekarussells hoch zufrieden stellt, den Buchverlegern und normalen Buchhändlern aber die nackte Panik ins Gesicht treibt. Also – bitte leise weitersagen.

100_1344Das „Lesekarussell“ liegt übrigens am Esslinger Hafenmarkt (hat nichts mit  dem klassischen nordeutschen Hafen zu tun, sondern mit einem schwäbischen Topf, also einem anderen Hafen) und ist in einem wundervollen Fachwerkhaus von etwa 1330 untergebracht. Man sieht noch einzelne der alten Eichenbalken im Fachwerk und kann in der ehemaligen Schatzkammer, gebaut aus feuersicherem Sandstein, neue Schätze entdecken: günstige Bücher. Einige neue Bücher bieten sie übrigens auch an, aber wer will die wirklich ?

Nachtrag: Ritzel Nummero 6 ist angekommen, bei mir, für 7,90.

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6 Comments

  1. Der Landen hat natürlich gegenüber Internetläden wie z.B. booklooker.de, wo ich schon etliches ver- und gekauft habe, den unschätzbaren Vorteil, dass man in den echten Büchern stöbern kann. Und ein sehr schönes Gebäude scheint es auch noch zu sein.

  2. Ritzel? Libelle?? Schwemmholz? Aha aha ahaaaaa! Liegt bei mir noch ungelesen im Regal. Ein Geschenk vom Buchhändler meines Vertrauens, nachdem ich ein nettes Interview mit ihm gemacht hatte. Sollte es wohl mal lesen….

  3. ja, das ist eine tolle einrichtung. ich komm immer mit mehr büchern raus, als ich eigentlich will.

    ein fachwerkhaus von 1330 – das heißt, dies ist die älteste zusammenhängende fachwerkzeile deutschlands. die ganze reihe bis vor zum rathaus ist so alt (mit ausnahme einer rekonstruktion). schon beeindruckend.

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