Ein Loblied auf die Handwerkskunst

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Das Städtchen Schwäbisch Gmünd hat einfach Schwein gehabt. Im zweiten Weltkrieg wurde es weitgehend von den Bombenteppichen der Alliierten verschont. Die ehemalige Freie Reichsstadt im Remstal kann deshalb mit einer prachtvollen Altstadt glänzen – mittendrin ein Glanzstück aus dem 13. Jahrhundert: die Johanneskirche, ein romanisches Gotteshaus, das man in dieser Vollendung  eher in Italien vermuten würde. Gebaut wurde die schlichte Kirche  mit den köstlichen Relief- Fratzen von Steinmetzen aus Sachsen.

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Wenige Schritte, vorbei am Hotel zum „Josefle“, dann steht man vor dem schönen Heiligkreuz-Münster – wieder eine Kostbarkeit. Und wieder gebaut von auswärtigen Steinmetzen. Die weitgerühmte Sippe der Parler (zugewandert aus dem Rheinland) hat diesen Bau wesentlich  mitgeprägt. Und an dieser Stelle beginnt auch die  Kooperation der Handwerker von Gmünd: die Zunft der wohlhabenden  Silberschmiede hatte den finanziellen  Grundstock für den Bau  gelegt. Als selbstbewußtes Zeichen einer stolzen und mächtigen und einflußreichen Handwerkszunft. Die Münsterbauhütte profitierte von den Gönnern – und die Familie Parler wurde durch ihre Arbeiten in Gmünd und drumherum europaweit  berühmt und nachgefragt.

100_0825Die Münsterbauhütte gibt es noch heute – von den einst einflussreichen Silberschmieden ist nicht mehr viel geblieben: eine Fachschule, ein Design-Studiengang an der FH und ein von außen schlichtes aber im Inneren unglaublich lebendiges Museum. Wahrscheinlich ist es ein großer Segen, dass der Gemeinderat von Schwäbisch Gmünd zunächst einmal völlig verpeilt hat, welcher Schatz in diesem schlichten Haus am Rande der Altstadt schlummert.

100_0837Ursprünglich sollte die Fabrik plattgemacht werden, einem ziemlich schrecklichen Profanbau weichen. 1986 – aber nur Dank des renitenten Einsatzes der Bürger – wurde das Gebäude samt Inventar zum Industrie-Kulturdenkmal und damit gerettet.  Es ist als Museum ein Leuchtturm in der süddeutschen Industriegeschichte. Heutzutage ist viel von „living history“  in der Museumspädagogik die Rede. In der Ott Pauserschen Silberwarenfabrik ist die Zeit stehen geblieben: so als wären die Arbeiter und Büroangestellten grade mal zur Vesperpause auf den nahen Marktplatz gegangen.

Ein Platz zum Staunen, zum Nachdenken, zum Entdecken. Ehrlich und nostalgisch zugleich.

buerowerkhalle

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5 Gedanken zu “Ein Loblied auf die Handwerkskunst

  1. Wie ich mich mittlerweile vergewissern konnte, strotzt Baden Württemberg ja nur so vor herrlichen ‚-ingen‘ Städtchen mit erstaunlich gut erhaltenen Altstädten, pittoresken Gässchen und schönen Klöstern und Kirchen. Wirklich beeindruckend!

    Und: Danke für diesen erfrischenden Artikel!

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