EXTRA-AUS-GA-BÄÄÄ !

Haidinger ? Martin Haidinger ??? Nie gehört, bis zum Samstag. Dieses Wochenende hatte ich das Vergnügen auf den Doppelten Kraus – einmal live und einmal von der Konserve, beide Mal in Wien, wo auch sonst.

leo „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus – ein zeitloses Werk, gültig bis heute, 86 Jahre nach Veröffentlichung der Buchausgabe. Im L.E.O., dem wirklich anrührend kleinen Kulturtempel im 3. Bezirk, sitzt Martin Haidinger auf der Bühne, dunkler Anzug, Hosenträger, vor sich ein ziemlich zerfledderdes Buchexemplar. Ein unscheinbarer, leicht fülliger Mann mit Zauselbart und Brille. „Extraausgabääää!“ plärrt er los – und die Zuschauer im vollbesetzten Saal, einer ehemaligen Backstube, sind mittendrin in der gnadenloser Abrechung mit Krigesgewinnlern, Kriegstreibern, Fremdenhassern, Dummköpfen und Arschkriechern. Begleitet wird Martin Haidinger an diesem Abend von Christina Ringhofer und Barbara Klebel-Vock. Beide spielen zurückhaltend Stücke von Beethoven, Debussy und Pärt. Das passt.

Das szenische Werk von Karl Kraus galt lange Zeit als nicht aufführbar. Umso bemerkenswerter ist es, wenn sich einer an eine szenische Lesung wagt, der weder Schauspieler noch ausgebildeter Sprecher ist. Martin Haidinger scheint ein Naturtalent zu sein. Er hat den Text virtuos im Griff, variiert das Tempo und die unterschiedlichen Charaktere, gestikuliert wild, fällt dann in den Musikpausen in sich zusammen, konzentriert sich neu.

Haidinger ist eigentlich Journalist und Historiker von Beruf, hat früh seine Liebe zur Bühne entdeckt, arbeitet viel für freie Theatergruppen und tritt in Häusern wie im L.E.O. auf. In diesen Tagen kommt sein neuestes Buch auf den Markt: „Unser Hitler – Die Österreicher und ihr Landsmann“. Martin Haidinger ist eine echte Entdeckung.

Einen Tag später – immer noch im 3. Bezirk. Wir liegen auf dem Bett und hören Helmut Qualtinger. Insgesamt viereinhalb Stunden Spielzeit. Helmut Qualtinger und „Die letzten Tage der Menschheit“ ist das unerreichte und unerreichbare Original. Aber ganz ehrlich: Martin Haidinger ist ein guter Nachfolger.

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6 Gedanken zu “EXTRA-AUS-GA-BÄÄÄ !

  1. Lieber Lenz,

    ich hab jetzt mal wieder bei Qype reingeschaut. Das sieht ja gräuselig aus. Und was auffält: viele Schreiber sind in Streik getreten, wohl nicht nur wegen des affigen Designs, sondern auch wegen der Art und Weise, wie Qype so eine Änderung wieder mal an seinen Schreibern vorbei exekutiert hat.
    Und: es fehlen doch einige bekannte Namen.

    Schönes Wochenende nach DÜDO
    Die P.S. Antwort kriegst du direkt…

  2. Lieber wassily und liebe joulupukki,

    Qualtinger war für mich immer eine Offenbarung. Immer. Wie aufrührend konnte der Vorlesen. Wie genial. Nun werde ich mich wohl mit Haidinger beschäftigen. Und ich danke für die Empfehlung.

    wassily, Gedankenübertragungen gibt es nicht. Daran glaubte nur meine Mutter. Aber ich habe mich seit Jahren nicht mehr mit Karl Kraus beschäftigt. Und dann fällt der mir plötzlich wieder ein. Und der Qualtinger. Und dann schreibst du diesen Artikel. Zeitgleich. Aber belassen wir es dabei.

    Der Beitrag ist nützlich und gut geschrieben, um es mit dem alten Qype zu sagen.

    P.S. Wie kann man eigentlich hier Kommentare ändern? Oder löschen? Da ich neu bin, blicke ich noch nicht so richtig durch.

  3. Lieber Lenz,

    ich glaube nicht an Gedankenübertragung. Aber ich bin mir sicher, dass es bei Wesensverwandtschaften immer wieder zwagsläufig zu irgendwelchen Überschneidungen kommt.

    Liebe Jou,

    Qualtinger zehrt fraglos von seinem Mythos. Haidinger war in der Tat eine Offenbarung.

  4. Unerreichbar? Hm, ich weiß nicht, ob Haidinger – zumindest in dieser Lesung – nicht sogar besser war. Das kann aber natürlich auch der Live Effekt gewesen sein, mit dem die Konserve nicht Schritt halten kann.
    Jedenfalls ziehe ich meinen virtuellen Hut vor diesem Meister der Sprachen, Dialekte und Mimiken.

  5. Also manchmal ist es schon komisch: da habe ich doch endlich wieder die Biographie von Karl Kraus auf dem Schreibtisch gehabt. Dann lese ich diesen Bericht, und ehe ich zu Ende bin, denke ich an Qualtinger, diesen versoffenen genialen Menschen. Und dann wird er hier erwähnt. Zufall? Wie schön, dass es Menschen gibt, die ähnlich ticken. Damit meine ich natürlich wassily.

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