Trouble in Paradise

img_0021War das für ein gefundenes Fressen  für die Boulevard-Presse: endlich mal wieder richtig Zoff in den Vororten von Sydney, endlich mal wieder zünftige Massenschlägereien zwischen ethnischen Gruppen, endlich mal wieder ein martialischer Polizeieinsatz mit Schlagstöcken, mit Tränengas und mit allem was dazu gehört. In den Abendnachrichten des australischen Fernsehens Live-Schaltungen mit aufgeregten Reportern, im Hintergrund dekorativ der  pöbelnde Mob, der Journalisten mit Flüchen bedrohte und mit Bierbechern bewarf.

Diesmal hat es den Vorort Rosemeadow erwischt. Seit Jahren ein problematisches Viertel: hohe Arbeitslosigkeit, besonders unter  Jugendlichen, dazu Gettoisierung im sozialen Wohnungsbau , ethnische Einwanderergruppen, nach Straßenzügen getrennt.  Die Gewalt, gespeist aus Perspektivlosigkeit und Langeweile, befeuert von Alkohol und Drogen, eskalierte in den ersten Tagen des neuen Jahres. Erst gingen die Bewohner von Rosemeadow aufeinander los, dann alle gemeinsam gegen die anrückende Polizei und die Meute der Journalisten. Es gab etliche Verletzte, viele Festnahmen – und die übliche Ratlosigkeit der Politiker. In der ersten Verzweiflung plädieren sie dafür, die Sozialwohnungen schnell platt zu machen. Dabei waren sie erst in den 70ern nach amerikanischem Vorbild gebaut worden. „Alles was schief gehen kann ist hier schief gegangen“, klagt  Architekt Phil Cox, der damals die Vorzeigesiedlung mit gebaut hatte. „Es ist die Hölle, ein Zentrum von Drogen und Gewalt“.

Vor drei Jahren hatte erstmals eine Welle der Gewalt Sydney erschüttert. Damals beschimpften rassistische Weiße am Cronulla-Strand aus einer Menschenmenge  heraus arabische Jugendliche und griffen sie an. Es folgen Rachezüge libanesischer Jugendlicher und wüste Straßenschlachten, die als „Cronulla Riots“ in die australische Geschichte eingingen.

img_0027Damals wie heute zeigen sich Politik und Polizei hilflos. Und damals wie heute hält Pfarrer Chris Riley die Stellung. Chris Riley ist ein mediengewandter Hans-Dampf in allen Gassen und eine moralische Autorität in Sydney. Er hat unter anderem den Verein „Youth of the streets“ gergündet. Er schlichtet zwischen den Fronten, wirbt um Verständnis für die Situation der Jugendlichen, geht aber auch öffentlich gegen sinnlose Gewalt der Jugendgangs vor. Riley warnt seit Jahren, man dürfe die Jugendlichen im Südwesten Sydneys mit ihren Problemen nicht alleine lassen. In Rosemeadow muß sich der Sozialarbeiter Bill Clarke alleine um etwa 7000 Jugendliche kümmern mit einem Budget von 33 000 Euro für sein Jugendhaus.  

kopie-von-img_0037In Burwood, einem anderen Stadtteil von Sydney, ist es bisher noch ruhig geblieben. Das liegt wohl daran, dass es den 30 000 Menschen, die hier leben, etwas besser geht als denen Rosemeadow. Jeder fünfte der Einwohner ist chinesischer Abstammung, sie leben oberhalb der Bahnlinie. Unterhalb davon die Libanesen und die Thailänder,  in den Nebenstraßen mit den Einfamilienhäuschen im britischen Stil die Australier – oder die Zuwanderer, die es sich leisten können. Aber an vielen Häusern in den Straßen hängen schon die Verkaufsschilder von Immobilienmaklern.

„The Daily Telegraph“, das reaktionäre Massenblatt in Sydney, titelte neulich: „Die Angst geht um“. Das ist wie immer grotesk überzogen. Und nicht wenige sagen,  es sei unter anderem der Boulevardpresse zu verdanken, dass die Konflikte zum Jahresbeginn gewaltsam eskalierten. Es soll angeblich sogar Geld gezahlt worden sein, dafür, dass Jugendliche richtig auf den Putz hauten und so für die entsprechenden Fotos zur Story sorgten.

Manche Einwohner von Burwood machen sich dennoch Sorgen, ob es in ihrem Bezirk auf Dauer ruhig bleiben wird. Immerhin – in einem alten Backsteingebäude in einer Seitenstraße gibt es in eine Einrichtung um die Vorstandt-Kids sorgt. Im örtlichen Polizeisportverein kämpfen sie schon am frühen Morgen gegeneinander – beim Kendo. Das ist ganz im Sinne von Pfarrer Riley.

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4 Gedanken zu “Trouble in Paradise

  1. Ich bin ja im Prinzip ein mutiger Kerl – aber ich glaube es wäre nicht gut gekommen, wenn ich in Rosemeadow mit der Kamera aufgetaucht wäre. Ich war dort, aber ohne Fotoapparat. Die Bilder sind aus Burwood – dem Vorort, in dem ich gewohnt habe. Aber auch dort ist ein unangenehmes Grummeln auf den Straßen und in den Gesprächen zu spüren. Angst vor dem chinesischen Nachbarn ? Sicher nicht – eher Angst vor dem Versagen der Polizei und der Politik in Rosemeadow… und den möglichen Folgen für die anderen Vororte.

  2. Rosemeadow – eigentlich ein grotesk hübscher Name für ein Armenviertel. Ist doch immer wieder seltsam, dass den schlimmsten Plätzen die lieblichsten Bezeichnungen gegeben werden (Groß Rosen, Birkenau, Buchenwald…) – fiel mir nur so am Rande dazu ein.

    Jedenfalls wärs interessant zu wissen, wieviel von dem Gerücht, die Boulevardpresse hätte den Konflikt noch aufgeheizt, stimmt. Also bleib am Ball, ja?

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