Das Haus der verlorenen Seelen

Es gibt höchst unterschiedliche  Möglichkeiten, in Sydney unterzukommen. Wer es gerne etwas bonzig liebt, der nimmt sich sein Zimmer im „Shangri La“  am Hafen. Der Blick auf die Fähren und die Oper kostet ab 500 australische Dollar (AUD) aufwärts pro Nacht. Das Kontrastprogramm sind die Backpacker- Unterkünfte. Dort gibts die Nacht  im Schlafsaal (ohne Ohropax) schon ab 25 AUD.

Und dann wäre da noch die goldene Mitte – eines der vielen Gästehäuser, die es in Sydney an fast jeder Ecke gibt. Zum Beispiel die „Baronia – Lodge“ im Stadtteil Burwood, genannt auch das „Haus der verlorenen Seelen“.

Die „Baronia –  Lodge“ ist typisch für Sydney, von der Lage her, der Größe , der Ausstattung („Charm, style & grace“) und den Preisen. Und doch ist dieses Guesthouse ziemlich ungewöhnlich.

Virginia, die Chefin des Hauses, eine gebürtige Neuseeländerin, die an der Ostküste groß geworden ist, gebietet über 20 Zimmer in diesem verschachtelten Haus, dazu eine große Gemeinschaftsküche, ein Wohnzimmer mit Internetzugang und Fernseher, eine Waschküche, einen Garten mit Pavillion  und einen Collie namens Jessie.

Die Zimmer sind nett, gemütlich und freundlich eingerichtet: bequeme Betten, Flatscreen-TV, viele  mit kleiner Kochzeile, eignem Bad und eigener Toilette, Klimaanlage oder zumindest Deckenventilator. Das Haus wurde vor einigen Jahren komplett renoviert und ist mit dreieinhalb Sternen taxiert.

Virginia ist fair zu den Gästen. An Sylvester, wenn die Stadt überquellt mit Touristen, verlangen die meisten saftige Extrapreise.  Bei ihr kostet das Einzelzimmer auch in der Hochsaison pro Nacht 75 AUD, das Familienzimmer 130 AUD. Das ist mehr als okay und schon etwas Besonderes.

Die Lodge liegt ruhig und doch zentral in einer kleinen Seitenstraße, die Einkaufs-Mall und die Hauptstraße sind grade mal 200 Meter entfernt, der Bahnhof nur etwas mehr. Mit der S-Bahn gehts in 15 Minuten direkt in die City. Auch das ist ganz prima und bequem.

Was die „Baronia-Lodge“ außergewöhnlich macht, ist die Mischung der Menschen. Im Gästebuch finden sich Einträge mit Besuchern aus allen Winkeln der Welt. Das ist noch normal. Aber Virgina hat auch „Residents“ unter ihrem Dach. Der älteste Dauermieter ist 86 Jahre alt und gehört zum Inventar. Er lebte schon hier, bevor die Lodge renoviert wurde – und durfte bleiben. Virginia brachte es nicht übers Herz, ihm zu kündigen.

Dann gibt es Sam aus Sri Lanka, der als IT- Techniker arbeitet, ein altes Schrottauto fährt (und gerne verleiht), immer noch broken english spricht, sich für einen tamilischen Tiger hält und mächtig stolz darauf ist, dass er „Bayerish Motorwörk“  einigermaßen fehlerfrei aussprechen kann . Und Ulrike, die in Australien einen Neuanfang versucht, zunächst hier gelebt hat –  nicht so recht loskommt und immer wieder reinschneit.  Und Peter, der einen etwas verwirrten Eindruck macht, bei der Bank arbeitet (oder gearbeitet hat, so genau weiß man das nicht) und gelegentlich fürchterliche Märchen erzählt, Hauptsache er erweckt Aufmerksamkeit.

An Heiligabend erschreckte er die Gäste beim BBQ mit der Story, er habe gerade die Nachricht bekommen, sein Bruder sei in Afghanistan erschossen worden. Mitten ins Herz. Nach dem ersten Schrecken und vielen tröstenden Worten stellte sich dann bald heraus – alles erlogen. Peter hat sich Tage später dann auch dafür entschuldigt.

Aber so funktioniert das wohl in dieser merkwürdigen Gemeinschaft –  Gestrandete in einer gelobten Stadt. Die Dauergäste leben, bis auf ein junges Pärchen aus Deutschland, seit Jahren hier – ein Zimmer, Fernseher, die immer gleichen Gespräche im Gartenpavillion, etwas Familienanschluß – und reichlich Alkohol. Virginia sagt, alle ihrer Residents hätten ein Alkoholproblem – und leert dabei ihr Glas. Wenn Michael, ihr wohlhabender Freund mit seinem AudiTT am Mittag vorfährt, dann putzen die beiden schon auch mal die eine oder andere Flasche Wein zusammen und Michael erzählt, dass er von seinem Großvater daheim noch eine ganze Kollektion von Bajonetten getöteter deutscher Landser  hat – und welches Auto er sich demnächst kaufen wird.

Das klingt jetzt  unendlich traurig. Stimmt auch irgendwie. Trotzdem ist die „Baronia – Lodge“ eine gute Unterkunft für Sydney. Hier geht es ziemlich  „normal“ zu.  Das ist ein guter Gegensatz zur  schnelllebigen, hippen  Stadt, die immer unter Hochdruck steht, immer jung und fröhlich aber dabei  auch etwas oberflächlich ist. Denn so wie im Gästehaus sieht es wahrscheinlich hinter vielen Fassaden der Vorstädte von Sydney aus.

www. baronialodge.com.au

Nachtrag:

Heute hab ich erfahren, dass Peter in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Er hatte das Notfall-Sorgentelefon angerufen und mit Selbstmord gedroht.  Ein mittelgroßes Polizeiaufgebot hat ihn abgeholt…

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5 Gedanken zu “Das Haus der verlorenen Seelen

  1. Das klingt aber nach einem gemütlichen Auskommen!

    Oh, hab gerade erst den Nachtrag gelesen. Klingt ja schrecklich! Hoffentlich ist er bald wieder im Lot und entgeht der Volladung Psychopharmaca. 😦

  2. Um dir das Nachschlagen zu ersparen:

    „Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten wird für Mai 2005 mit 4112 AUS-Dollar angegeben (das entspricht 2550 Euro). Im Zeitraum Mai 2004 bis Mai 2005 stieg das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten um 5,8 %.“
    downunder-dago.de

    Allerdings hat der AUD in den vergangenen Jahren an Kaufkraft verloren. Der Umtauschkurs liegt zur Zeit bei 1 EUR = 2 AUD, vor zwei Jahren waren es noch 1: 1,70.

  3. Das nenn ich wirklich günstig. Da muss ich doch glatt mal im Fischer Weltalmanach gucken, wie der Durchschnittsgehalt im Vergleich zu mitteleuropäischen Verhältnissen liegt…

  4. Heyo – die gute Weihnachtsfrau, munter und neugierig wie immer.
    Also: 1 AUD entspricht 50 EURCent, das Einzelzimmer kostet also weniger als 40 Euro, zur Hochsaison in Sydney ! Überhaupt: für eine Weltstadt ist es ziemlich günstig – überall Sale, stylische Billabong- oder VolcomShirts liegen bei ca. 20 Euro,ein Hauptgericht im Restaurant zwischen 10 und 15 Euro, ein Cafe Latte im Schnitt 2 Euro. Das ist passabel !

  5. Heyo – der Wassiliy ist wieder da! Da kommt Freude auf!
    Ich finde eigentlich garnicht, dass das nach einer traurigen Runde klingt, eher nach einer interessanten oder doch zumindest nach einer sehr menschlichen, die sich nicht zwangsmäßig hinter einer Happy-Maske verstecken müssen.
    Verrätst Du mir jetzt noch, wieviel 75 AUD in EUR sind?
    Ach ja, und WILLKOMMEN zurück!

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