Schwäbisch für Anfänger (4)

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Eigentlich könnte  man davon ausgehen, dass unser heutiges Kapitel über  die Schwaben & den  Sex ziemlich kurz ausfällt.  Schwaben und Leidenschaft – ein Widerspruch. Auf den ersten Blick…

Ich erinnere noch gut an einen Tag vor etwa 20 Jahren, als ich in der Stuttgarter Fußgängerzone einen mir  bekannten Landtagsabgeordneten  aus Reutlingen zufällig entdeckte: er schlenderte  schamhaft am Erotik-Shop von Dr. Müller vorbei. Erst hin, dann her, dann wieder hin. Und dann – nix wie rein ins pralle Sortiment von Pornos, Dildos und Co. Eigentlich wollten wir uns nur einen Spaß machen, als wir mit einem fröhlichen „Grüß Gott, Herr ….“ den Sex-Shop betraten. (Der Name wird hier unterschlagen; ich weiß nicht, ob der Mann noch lebt und auf seine alten Tage womöglich bloggt). Er wurde kreidebleich, raffte an der Kasse  seine Einkäufe schnell in seine Aktentasche, nuschelte noch schnell ein „Guten Tag“ und verschwand. Er kandidierte übrigens nicht mehr für die nächste Wahlperiode, der Ärmste.

Diese Geschichte erklärt aber viel über das verkrampfte Verhältnis der Schwaben zur sinnenfrohen Sexualität. Wieder einmal sollen die Pietisten Schuld daran sein, dass der Schwabe  nicht unbedingt als der Inbegriff des feurigen und galanten Liebhabers gilt. Obwohl: einer der württembergischen Herzöge war seiner Geliebten bis zum Wahnsinn verfallen. “ Die schwäbische Reserve, die Unfähigkeit, ein Gefühl zu äußern oder gar außer sich zu sein; der Ernst, der keine Freude am Spiel, am Flirt aufkommen lässt; der Mangel an Galanterie; das alles steht der Liebe im Weg, verkleinert sie zur  Mögetse . Der Schwabe kann wohl zart, jedoch schwer zärtlich sein“, hat Thaddäus Troll geschrieben. Irgendwie klingen so einfache Sätze wie „Ich liebe dich“ oder „Ich begehre dich“ auf schwäbisch wenig prickelnd: „I mog de, du gfellsch mer“.

Die Zeiten haben sich geändert. Meinem Vater stand der Schweiß auf der Stirn, als er sonntags nach dem Kirchgang seine Buben aufklären wollte. Er war dann doch erleichtert, als die Jungs mit einem „Scho recht,Vadder“ seine umständlichen Versuche beendeten. Die Zeitschrift TWEN und der Freundeskreis hatten ihm die Arbeit abgenommen.

Meine Söhne überraschten mich auf der Urlaubsfahrt nach Spanien zwischen Barcelona und Tarragona bei Tempo 140 mit der kecken Frage „Papa, was ist Ficken?“. Ich bin zwar fast in die Leitplanke gedonnert, habe aber die nächste Pause zu einer ausführlichen Aufklärungsstunde genutzt. Die Jungs waren damals sieben und fünf Jahre alt.

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Die sündige Meile von Stuttgart, die Leonhardstraße, ist genau 150 Schritte lang. Ich bin das neulich mehrfach abgegangen. Die Bars heißen „Barbarella“, „Nixe“ oder „Four Roses“, aber es geht sehr, sehr gediegen zu. Kein Vergleich zu den Zeiten, als noch die Soldaten der amerikanischen Armee das Hüttendorf in der Eberhardstraße am Wochenende aufmischten.

Das Stuttgarter Bordell, das „Dreifarbenhaus“, liegt direkt hinter dem Rathaus. Es wurde eingerichtet, um die blühende Prostitution ohne Zuhälter irgendwie in geordnete Bahnen zu lenken. Das klappt bis heute: die Betreiber sind geblieben, das klassische Laufhaus hat etwa 90 Zimmer und eine Kantine, die Frauen zahlen brav ihre Tagesmiete für die Zimmer. Richtig Aufregung gab es hier nur bei der Fußball-Europameisterschaft 1988, als darüber diskutiert wurde, für die ausländischen Gäste das „Maison tricolore“ länger als 23 Uhr zu öffnen. Die Chefin des Hauses meckerte: „Mei Mädle send a ruhigs Schaffa gwöhnt„. Heute hat das Dreifarbenhaus bis 4 Uhr in der Frühe geöffnet. Und: den Geheimgang zwischen den Amtszimmern im Rathaus und den Zimmern der Frauen gibt es nicht.

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Die Zeiten haben sich geändert, auch im Gerichtsviertel der Stadt. Früher wurde gerne ein Amtsrichter zitiert, der einem Angeklagten vorhielt, er habe „Geschlechtsverkehr und andere Perversitäten“ vollzogen. Erst kürzlich hat ein anderer Prozeß für Furore gesorgt, in dem ein honoriger Vertreter der Stuttgarter Anwaltschaft die Hauptrolle spielte. Er war in einem Domina-Studio fast zu Tode gekommen – und zerrte seine lustvolle Peinigerin anschließend vor Gericht. Sehr zum Gauditum der Kollegen und der ganzen Stadt.

Hatte Troll also doch hellseherische Fähigkeiten, als er vor 41 Jahren mit dem ihm eigenen Anfall von Ironie schrieb: „En dr Erotik send mir Schwoba doch de reinschde Teifel!“ 

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7 Comments

  1. Wieder eine lehrreiche Stunde über die Eigenart der Schwaben. Die Bayern sind da nicht viel anders. Mein Lieblings-Klo-Spruch aus einer Münchner Toilette: „Mögen hätte ich schon gewollt. Bloß dürfen habe ich mich nicht getraut.“

  2. Nun ja, als erotischer Bauhaus-Stil geht das nicht durch. Aber vor 50 Jahren kam die Kundschaft auch nicht zu architektonischen Studien hierher.

  3. Da du mir die Antwort „soziologische Milieustudien“ sowieso nicht abnimmst und die Antwort „meine verlorene Unschuld“ nicht zutreffend wäre, bleibt nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ! Am Ende der Leonhardstraße Richtung Wilhelmsplatz liegt der Murrhardter Hof. In diesem Gasthaus kocht der dicke Türke Burhan die köstlichste gefüllte Kalbsbrust auf schwäbische Art, die es weltweit gibt !
    Und, enttäuscht ?

  4. Zu köstlich der Artikel! *gg*
    Aber nun sag uns doch noch, was genau Du beim auf und abgehen der Leonhardstraße gesucht hast…

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