Pfoten weg von den Wagenhallen !

img_01011Alternative Kultur am Nordbanhof        Fotos:JPO

Alternative Kultur tut sich schwer – in vielen Städten der Republik. Ganz besonders schwer scheint es in Stuttgart zu sein. Der Stadt, die sich gerne mit einem mehrfach preisgekrönten Staatstheater und einer bemerkenswerten Museumslandschaft  brüstet. Da scheint kein Platz zu sein für unabhängige Bildhauer und Maler, für ungewöhnliche Kunst- und Musikhappenings, für Gothicpartys ebenso wie für Independence-Konzerte. Die Wagenhallen sollen weg.

img_0104Der Stuttgarter Nordbahnhof ist eine Gegend, in die man sich bei Nacht nur ungerne verirrt: eine Industriebrache mitten in der Stadt, hinter dem Pragfriedhof. Es wirkt unheimlich und unwirklich hier, man fühlt sich an die Bronx oder sonstige berühmt-berüchtige Gegenden erinnert, besonders bei Regen oder Nebel, wenn in den Teerfässern Feuer brennen. Und trotzdem ist der Nordbahnhof kulturell ein Vorzeigeplatz der Stuttgarter Kulturszene geworden – dank der Wagenhallen.

Immer dann, wenn in Stuttgart die „Lange Nacht der Kultur“ stattfindet, sind die Busse auf der Nordroute besonders voll – die Route führt in Richtung Killesberg über den Nordbahnhof. Dann staunen Leute Bauklötze, für die alternative Kultur ein Fremdwort ist. Sie staunen über die Vitalität der Macher in den Wagenhallen. Auch der Normalbetrieb – oho ! 300 Veranstaltungen im Jahr, für die es sonst in der Stadt keinen Platz gibt. In den nächsten Wochen treten hier auf: Äl Jawala (Balkan-Funk), Alkinoos Ioannidis, das Klangtheater „Zeltlust“, Binder & Krieglstein, Fanfare Ciocarlia, dazu „Holy shit shopping“ mit über 100 jungen Designern – und „Casino Paris“, die erste und wahrscheinlich auch letzte Sylvesterparty in den Wagenhallen.

Eine Karikatur von Friederike Groß in der Stuttgarter Zeitung bringt es auf den Punkt: eine Dampfwalze überrollt die Wagenhallen, den feisten Walzenlenkern von der Stadt entfährt ein  scheinheiliges „Schees Pflenzle-schad dromm!“  Indirekt hängt dies mit dem Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21 “ zusammen, für das nun auch der Bundestag grünes Licht gegeben hat.

img_01091Das gesamte Gebiet um den Nordbahnhof wird neu arrondiert, eine neue Schule und Wohngebiete werden gebaut – und: die Fernwärmeleitung der EnBW muß verlegt werden. Das geht voll auf Kosten der Kultur-Oase. Die monatelangen Bauarbeiten direkt auf dem Gelände gefährden den Betrieb in den Wagenhallen. Ein unrühmliches Ende droht – bevor es so richtig angefangen hat. Ein klares Bekenntnis der Stadt für eine Zukunft der Wagenhallen fehlt bis heute.

Dabei entdeckt nun auch die etablierte Kunst diesen Spielort. Die Internationale Bach-Akademie wollte eigentlich im kommenden Jahr zwei hochkarätige Klassikkonzerte in die Halle verlegen („So eine Aura gibt es sonst nirgendwo in dieser Stadt“). Auch andere Kulturschaffende machen sich für einen Erhalt stark, und zwar unbedingt in der jetzigen Form – gegen den Mainstream, unabhängig, unbequem, ungewöhnlich. 

Ob dies was nützt, ist eher fraglich –  bei den Betonköpfen in der Stuttgarter Stadtverwaltung. Kulturelle Aushängeschilder sehen in deren Augen anders aus: mit glänzenden postmodernen Fassaden wie die  „Bibliothek 21“, die für 70 Millionen krampfhaft ins neue Bankenviertel hinter dem Hauptbahnhof gezwängt wird, damit dort wenigstens ein wenig Leben einzieht.

Immerhin:Der Widerstand gegen die größenwahnsinnige Stadtplanung läuft an. Die Unterschriftensammlung und die Menschenkette gegen „Stuttgart 21“ waren erst ein Anfang. Nächster Akt: „Pfoten weg von den Wagenhallen!“ Warum eigentlich nicht ? 

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Pfoten weg von den Wagenhallen !

  1. Dass die Wagenhallen den Erdboden gleichgemacht werden sollen ist wahrlich eine SCHANDE für Stuttgart! Der Platz sprüht doch vor Leben – natürlich Leben abseits des Kommerzes. Und somit ist es scheinbar nichts wert… Bleibt zu hoffen, das in Stuttgart genügend widerständige Freigeister leben, die sich dagegen zur Wehr setzen. Los doch, kämpft für Eure Wagenhallen!

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