Zauberhafte Zugfahrt

img_00093

ICH FAHR NICHT GERNE ZUG !

Dies ist keine Abrechung mit dem börsengeilen Herrn Mehdorn, mit der Servicewüste Bahnhof, mit unglaublichen Schlampereien, Missmanagement, ständigen Verspätungen durch gebrochene Achsen oder sonstige Defekte, mit rüpelhaften Schalterbeamten, falschen Auskünften über günstige Angebote und aktuelle Abfahrtszeiten, mit  muffigen Schaffnern, zugigen Bahnsteigen und Aschenbechern in den Raucherzonen, die vor sich hin qualmen wie das Lagerfeuer der Cowboys.

ICH FAHR EINFACH NICHT GERNE ZUG !

Manchmal muß ich Zug fahren, weil ich sonst nicht anders von A nach B komme oder weil es die Reisekostenveordnung meines Arbeitsgebers so verlangt. Und fast immer kommt es murphyhaft mindestens so schlimm, wie ich es mir vorher in allen grauenhaften und unangenehmen Facetten ausgemalt habe.

Ich muß mein Urteil revidieren. Ausnahmsweise! Allerdings nur für eine Fahrt. Für eine einzige Fahrt. EC 63 München Hauptbahnhof – Bundapest.

Zugegeben: der Zauber dieser Fahrt war dem Wetter geschuldet. In den deutschen Medien war einen ganzen Tag lang vor dem fürchterlichen Wintereinbruch am 21. November gewarnt worden. Katastrophale Verhältnisse waren vorhergesagt: starker Schneefall, Eisregen, Stürme. Es kommt – wie meistens – halb so schlimm. Die Wolken hängen tief, es wird kalt, regnet , die ersten Schneeflocken.

img_00213

Nichts davon zu spüren im Zugabteil, die Heizung  bis zum Anschlag hochgedreht. Draußen rauscht die Landschaft vorbei. Das Licht – wie geschaffen zum Träumen, wenn man noch übermüdet ist. Die Wolken hängen tief, fast in den Bäumen, einzelne Sonnenstrahlen brechen durch, dann ist es wieder dunkel, bedrohlich, der Horizont wirkt schwarz, dann wieder dunkelgrau, dann wieder dunkelblau. An den Fenstern läuft der Regen herab, verändert den Blick, bildet immer wieder neue Schlierenformationen, die Häuser und Landschaft merkwürdig verzerren. Ein Schauspiel.

Für dieses Schauspiel kann die Bahn nichts. Wohl aber für Istvan. So nenne ich in Gedanken die freundliche Servicekraft im Speisewagen des EC 63. Er muß Istvan heißen. So heißt ein Ungar in meinen Vorstellungen. Istvan sieht auch verschlafen aus, aber die Augen funkeln fröhlich, knitz, irgendwie vergnügt. Die Bestellung des üblichen Bordfrühstücks überhört er einfach. „Nicht gut, mein Herr“, murmelt er. Schließlich hat er einen richtigen Koch an Bord des Speisewagens – statt Frankfurter mit Kartoffelsalat aus dem Eimer gibt es auf der Speisekarte des ungarischen Speisewagens Schnitzel oder Gulasch. Etwas früh am Tag dafür. Istvan rät mir zu Spiegeleiern. Kaum fünf Minuten später serviert er: drei Spiegeleier, wie sie sein müssen, auf Schinken, mit Tomaten, Gurken und Petersiliegarnitur, Brötchen und Brot. „Schauen Sie,mein Herr !“, singt er fröhlich. 

Wien-Westbahnhof, 13.52 Uhr. Ende dieser zauberhaften Zugfahrt für mich, die Crew hat noch drei Stunden vor sich bis Budapest. Istvan steht vor dem Speisewagen, raucht genußvoll eine Zigarette, grüßt freundlich. „Auf bald, mein Herr !“. Kann schon sein, Istvan. 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Zauberhafte Zugfahrt

  1. Vilmos…
    Budapest ist ja schon ganz schön…
    Aber – was gibt es Schöneres, als sich im Schneetreiben durch Wien treiben zu lassen. Immer vorausgesetzt, du hast die richtige Begleitung im Arm!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s