Ein Zuhälter im Paradies

Darf man einen Menschen nett, sympathisch, interessant, schillernd oder witzig finden, der in seinem früheren Leben Betreiber eines Pornokinos war, der mit Bordellen Geld verdient , Frauen erst vermöbelt und dann verscherbelt hat, lustig in der Weltgeschichte rumgekokst und rumgekifft hat – und der jetzt auf Bohemian und Künstler macht?  Ist so einer einen Dokumentarfilm wert ? Darf man so einem Menschen glauben ?

wolli Wollis Paradies, Filmplakat

 

 

 

Einem Menschen, der ein begnadeter Selbstdarsteller ist, der redet wie ein Wasserfall, der Geschichten erzählen kann und wahrscheinlich auch erfinden. Einer, der sich damit rühmt, dass er ein guter Zuhälter gewesen ist und seine „Mädels“ heute noch alle mit leuchtenen Augen von diesem Luden sprechen. Einer, der den treusorgenden  Ehemann von Linda gibt, einem ehemaligen Pferdchen,  seit vielen Jahren seine Frau und Begleiterin auf seinen Reisen, Vorträgen und öffentlichen Auftritten. ?

wolliviennale

Wolli und sein Bild aus NVA-Zeiten (Foto:realistfilm) 

Ja – man darf, man kann !

Wolli Köhler ist ja nicht einer dieser Brutalo-Luden, die seit Jahren den Kiez in Hamburg und jeden Strich sogar in der Provinz beherrschen und terrorisieren. Mit etwas Rührung erinnert er sich an die Zeiten, als die „Jungs“ bei Kaffee und Schampus in seinem Bordell gesellige Herrennachmittage verbrachten , sich Geschichten erzählten, die Geschäfte ausdealten – und das Ehrenwort eines Luden noch ein Ehrenwort war.  Kiez – Sentimentalität ? Seine Versuche, aus seinem Bordell einen „sozialistisches Puff“ zu machen, mußten scheitern.  Er war seiner Zeit doch ziemlich voraus – oder seine Idee war einfach zu verrückt für den Kiez.

Bis 1982 war das ein schönes Leben für den Wolli und seine LInda – dann wechselte er das „Paradies“ und zog nach Costa Rica, dort folgte Jahre später die Vertreibung aus demselbigen, er kehrte zurück und lebt heute als Lude im Ruhestand in einem Hamburger Vorort. Mit Linda, die er glaubhaft liebt und achtet –  und sie ihn.

Wolli ist auch nicht ein x-beliebiger Zuhälter. Er, gelernter Autoschlosser, der aus einfachen Verhältnissen stammte, in der Ex-DDR überall aneckte und rübergemacht hat in den „goldenen Westen“ , er hat ja was  auf dem Kasten. Er malt, schreibt und dichtet. Und er kennt leibhaftige Schriftsteller. Wie etwa Wolf Wondratschek, der viel (zu viel) schreibt und früh sein Herz an den Kiez und die Huren verloren hat. Er hat Wolli mehrfach getroffen – und Wolli soll ihm auch die Idee für eine seiner Geschichten geliefert haben.

Wolli Köhler kannte auch Hubert Fichte. Mit ihm hat er viele Gespräche geführt, unter anderem über die wilde Zeit, als er und Linda in Indien waren, ständig bekifft oder sonstwie zugedröhnt. Von dieser Zeit schwärmt Wolli heute noch – und seiner Frau geht es nicht anders. Die Gespräche mit Fichte gingen in die Literatur ein, wurden veröffentlich in Fichtes Büchern „Wolli Indienfahrer“ und „Hamburg Hauptbahnhof. Register.“

Peggy Parnass, die große alte Publizistin der Linken, hat Wolli zum Film freundliche Worte gewidmet – er sei „ungewöhnlich und beschreibenswert“ Und den Film insgesamt rechtschaffen gelobt. Der Film „Wollis Paradies“, ein dichtes Konzentrat aus mehreren Nächten intensiver Gespräche, verdichtet auf grade mal 60 Minuten Laufzeit, ist in der Tat sehenswert. Warum aber Regisseur Gerd Kroske aus Berlin immer wieder glaubt, aus dem OFF dünne Fragen stellen zu müssen, die reichlich banal wirken, bleibt sein Geheimnis. Wolli kann sich  schon alleine inszenieren.

So wie bei seinem Auftritt anlässlich der Viennale. Ein erstaunlich kleiner Mann, im legeren Anzug, offenes Hemd, wache Augen, verschmitzes Lächeln. Seine Linda an seiner Seite. Und als ihm die Fragerei reicht, beendet er die Vorstellung. Geht vors Kino, pafft genüßlich eine – und diskutiert dann weiter. Er hat das „Heft des Handelns“ gerne selbst in der Hand. Er weiß genau, was er damals gemacht hat, worüber er reden will – und worüber nicht. Oder nicht mehr.

Wolli, der smarte Zuhälter, hat selbst jede Menge Texte geschrieben, kaum welche davon sind veröffentlicht worden. Im Dokumentarfilm „Wollis Paradies“ zitiert er aus dem „Lied der Penner“, das so endet:

„Auf unsere Scheitel scheint der blonde Himmel, der euch nur auf die teueren Hüte brennt.  Jawoll, ihr Herren, da hilft auch kein Gebimmel. Es ist der Himmel, nur der Himmel,der uns trennt!“.

Darf man so einen Menschen nett, sympatisch, interessant, schillernd und witzig finden ? Uneingeschränkt – JA !

 

 

 

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3 Gedanken zu “Ein Zuhälter im Paradies

  1. @gabrielle:
    Randgruppe oder nicht – „Wolli“ ist so selbstbewußt, der steht über solchen Dingen. Es war ein Vergnügen, ihn und seine Frau in Wien hautnah erleben zu können.

  2. Danke für diesen Bericht!
    Schillernde Figuren gibt es ohnehin viel zu selten im Netz / Fernsehen oder der „regulären“ Presse zu sehen – da ist es richtig wohltuend, wenn ein Mensch, der von so manchen gewiss zu einer Randgruppe gehörend eingestuft wird, vorurteilsfrei in all seinen Facetten vorgestellt wird.

  3. Ja, der Mann ist charismatisch und war mir auch sympathisch. Eine irritierende Mischung, die kindliche Art, wie er von sich immer in der dritten Person spricht – grad so, als würde er mit sich selbst Marionette spielen – und dann wieder die brutale Ehrlichkeit mit der er sein Leben erzählt, gespickt mit einfachen Kiez-Weisheiten.
    Und manche Episoden seiner Erzählungen scheinen in einen romantische Schleier gehüllt zu sein, der ahnen lässt, dass er einiges selbst auch nicht so gut fand, ein Schleier, der ihn vielleicht selbst schützen soll allzu genau hinzusehen. Der Kiez ist nunmal kein Ponyhof, vielleicht wollte er ihn streckenweise wirklich dazu machen?

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