Im Arsenal nichts Neues

img_00231März 1938 – Einmarsch oder Anschluß, Besetzung oder Befreiung durch die deutsche Wehrmacht? Diese Frage wird in Österreich in diesem Gedenk-Jahr ziemlich heftig diskutiert und auch dokumentiert. Im Wiener Arsenal, in dem das heeresgeschichtliche Museum untergebracht ist, drückt man sich um eine Antwort auf diese Fragen. Man könnte sich ja die Finger verbrennen, wenn man sich ausgerechnet in einem Militärmuseum die verbreitete These zu Eigen macht, der „Einmarsch“ sei nichts anderes gewesen als die logische Verhinderung eines eigenen Weges des Austro-Faschismus. Deshab verkündet die Sonderschau im Arsenal auch im Untertitel, sich ausschließlich den militärhistorischen Aspekten widmen zu wollen.

img_0027Die sogenannte  Sonderschau zu einem derart prägenden Ereignis in einem derart monumentalen Gebäude fällt mit drei Schauräumen, einigen Dokumenten und vor allem vielen,vielen Uniformen dann aber doch etwas spärlich aus. Wer sie verpasst hat, hat nichts wirklich Erleuchtendes oder gar Neues versäumt – und dies trotz der durchaus ambitionierten zeithistorischen Aufarbeitung, die in  Österreich (und hier vor allem besonders intensiv und eindrücklich in den „Nach-Richten“) geleistet wurde und noch wird.

Immerhin waren sich schon nach dem verlorenen ersten Weltkrieg alle Parteien in Österreich einig, das „Heil“ des Alpenstaates sei in einem Anschluß ans Deutsche Reich zu suchen. Weil die Siegermächte diesen Plan durchkreuzten, entwickelte sich der Faschismus á la Dollfuß und Co. Und die Truppen der Wehrmacht wurden im Frühjahr 1938 auf ihrem Weg nach Wien durchaus begeistert empfangen, ebenso wie Adolf Hitler als Erlöser wenige Tage später.

Davon ist in der Sonderausstellung leider wenig zu spüren. Immerhin kommen in einem Video Zeitzeugen zu Wort, Wochenschau-Material dokumentiert den Triumphzug der Wehrmacht. Ansonsten bleiben aber mehr Fragen offen als beantwortet werden.

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Eine vertane Chance in diesem Museum, dass ansonsten auf abertausenden von Quadratmetern Ausstellungsfläche detaillverliebt die Militärgeschichte Österreichs darstellt: Reihenweise Uniformen, massenweise Orden, Gemälde, Kanonen, Gewehre, Geschütze und perverseste Tötungswerkzeuge sind in den Virtinen ausgestellt. Eine unkommentierte Verherrlichung des tödlichen Geschäftes.  Für Militärfreaks, Waffennarren und Menschen, die Glanz und Gloria der KuK-Monarchie nachtrauern, ein  Dorado, für andere ein makabres und blutiges Szenario. Vor allem die brachialen Totschläger aus den Zeiten der fürchterlichen österreichisch- italienischen Materialschlachten 1918 im Veneto machen sprachlos.

Und der Museums-Shop setzt dem Schauspiel die Krone auf: Wer will oder wer es braucht kann sich Bastelbögen von Flugzeugen, Schiffen oder Panzern und entsprechende Fachliteratur kaufen. Oder ein Modell des Wagens, in dem der Thronfolger 1914 in Sarajewo ermordert wurde, mit den passenden kleinen maßstabsgetreuen Figürchen darin – zum stolzen Preis von 595 Euro.

Trotzdem ist das Museum – immerhin das älteste in Wien – einen Besuch wert, wegen der außergewöhnlichen Backsteinarchitektur im maurisch-byzantinischen Stil. Prunkvolle Treppenhäuser, großartige Repräsentationsräume in einem schönen parkähnlichen Gelände machen das Gebäude alleine zu einer Schönheit.

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5 Gedanken zu “Im Arsenal nichts Neues

  1. Yep – man sagt uns nach die ‚besseren‘ Nazis gewesen zu sein, wahrscheinlich zu Recht. Gerade deshalb wäre eine gründliche Aufarbeitung ja so wichtig gewesen (und ist es nach wie vor). Allerdings wurde der „erstes Opfer“ Mythos international unterstützt und von den Alliierten leider auch kräftig unterstützt. NS-Prozesse fanden erschütternd spärlich statt (um die 40, die Hälfte davon Freisprüche!), man bequemte sich mit der aufgesetzten ‚Unschuld‘ und wurde als ‚Opfer‘ großzügig akzeptiert. Wer sollte da an Aufarbeitung denken? Erst 1986 mit der Waldheim-Affaire begann der Mythos zu bröckeln. Rund 10 Jahre davor stand Simon Wiesenthal noch einer Front völligen Unverständnisses und Drohungen gegenüber, als er die Koalition Kreiskys (selbst Jude) mit dem ehemaligen SS-Offizier, der der Beteiligung an Massenmorden in seiner SS-Einheit beschuldigt wurde, kritisierte. Kreisky, dem der Hass gegen die Christlichsozialen, die in den Februarkämpfen der 30er Jahre Schießbefehl auf Sozialisten ausgaben, offenbar mehr galt, als sein eigenes Leid im Konzentrationslager, beschuldigte Wiesenthal der Mafiamethoden, man solle über diese Zeit doch besser schweigen.
    Deutschland kam weit weniger billig davon mit dem positiven Effekt, dass man meines Erachtens nach in Deutschland heute einer viel höheren Sensibilität antisemitischer Tendenzen gegenübersteht, als in Österreich. Antisemitische und rassistische Aussprüche gehören hier nach wie vor beinahe zum Alltag, seit dem spürbaren rechtspopulistischen Anstieg seit 2000 wird er auch wieder mehr und mehr gesellschaftsfähig. Kritik daran gilt als Nestbeschmutzung.

  2. Von wegen EINMARSCH oder ANSCHLUSS… Hab mir gerade den Wien-Artikel im „Zeit extra Geschichte – 1938 Abschied von der Zivilisation“ durchgelesen. Wenn das alles stimmt, waren die Wiener in Sachen Juden-Demütigung, – Verfolgung und -Ausplünderung die Spitze der brauchen Bewegung.

  3. Ja, das Gebäude ist beeindruckend! Die museale Leistungsschau drittklassig in Museumstechniken der 60er Jahre steckengeblieben. Und so mancher Besucher mit auffallend schmalen Schnauzbärtchen – eifrig bemüht dem Wärter die einzelnen Granaten aufzuzählen, die er gefunden und nun als Briefbeschwerer verwendet – scheint zum gruseligen Inventar zu gehören…

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