Die Magie des Kinos

Glaubt man den offiziellen Besucherstatistiken, dann gäbe es in Deutschland keine Kinolandschaft – ohne die  Ufa-Paläste, Multiplexxe, Maxxens oder wie sie alle heißen. Das stimmt vielleicht rein zahlenmäßig. Fragt man aber regelmäßige Kinogänger nach ihrem Lieblingslichtspielhaus, dann fallen ungewöhnliche Namen wie „Kinothek“ in Obertürkheim, „Waldhorn“ in Rottenburg oder „Delphi“ in der Tübinger Straße in Tübingen. Und immer wieder fallen dabei Namen von ganzen Kinodynastien, Namen wie Colm, Erasmus oder Kutter.

Die Kutters aus dem oberschwäbischen Städtchen Biberach sind so eine ganz besonders herausragende Familie, wenn es um die Kunst des Lichtspiels geht. In der dritten Generation setzt jetzt einer der Kutters, Adrian, Maßstäbe. Ein Leuchturm, der weit, weit über Oberschwaben hinaus leuchtet. Zum 30. Mal findet in diesen Tagen das Biberacher Filmfestival statt, das Adrian Kutter im Jahr 1979 begründet hat. Es ist eine der wichtigesten Adresse in der deutschen Kinolandschaft geworden.

Arbeiten wir einmal die Familie Kutter der Reihe nach ab. Da wäre der Großvater: ein Mann mit dem putzigen Namen Gottlob Friedrich Erpff. Der hatte im März des Jahres 1912 das erste Lichtspielhaus in Biberach mit 300 Plätzen aufgemacht. Dann folgt Anton Kutter, also Adrians Vater, ein studierter Maschinenbauer. Er war nicht nur selbst Regisseur bei  der Bavaria in München, er war nebenbei noch Astronom und genialer Konstrukteur eines Teleskops, das nach ihm benannt wurde, der „Kutter – Schiefspiegler“. Er drehte insgesamt an die 50 Filme, darunter schon 1937 einen Science-Fiction Streifen, den sein Sohn viele Jahre nach seinem Tod uraufführte. Er übernahm nach dem Krieg gezwungenermaßen das Kino des Schwiegervaters und baute es aus:logischerweise zum „Sternenpalast“ mit acht Sälen – und Sternwarte.

Was blieb Adrian übrig, als –  Kino,Kino,Kino. Adrian Kutter ist mittlerweile auch schon 65 Jahre alt, sieht aber noch aus wie ein junger Springinsfeld. Er gründete 1979 die Biberacher Filmfestspiele, ein Festival für den deutschsprachigen Film. So ziemlich jeder Regisseur oder Schauspieler von Rang und Namen oder von großem Talent war hier, mußte hier gewesen sein. Schlöndorff oder  Herzog , die Sägebrecht oder Vadim Glowna, heuer sind es Brandauer, Charlotte Link und viele andere. Dazu ein Programm von etwa 90 Filmen. Volker Schlöndorff hat einmal in einem Interview erzählt, bei der ersten Einladung von Adrian Kutter habe er nicht gewußt, wo Biberach überhaupt liegt. Schlöndorff hat dann aber schnell das Wort vom „Familientreffen des deutschen Films“ geprägt. Und Vadim Glowna erinnert sich an Begegnungen mit dem filmverrückten Kutter in Cannes, Berlin oder Venedig – aber richtig nahe gekommen sei man sich bei den Biberachter Aufführungen und den anschließenden obligatorischen Gesprächen mit dem Publikum.

Kutter hat sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen, nachdem er nochmals viel Geld in die Kinos gesteckt hat. Aber so einer wie er kann nicht zuschauen. Er firmiert noch als Intendant des Festivals. Ein Festival, das seit einigen Jahren auch einen beachtenswerten Ableger für den jungen unabhängigen Film hat.

Und als Pensionär hat er einiges zu tun: er arbeitet sich durch die etwa 1000 Filmplakate, die er sein eigen nennt, und plant in Biberach ein Filmmuseum. Und das wird auch die Geschichte der filmbesessenen Familie Kutter wiederspiegeln. Den Originalprojektor seines Großvaters hat er schon – jetzt sucht er noch Fotos aus dem März 1912.

www.filmfestbiberach.de  29.10. – 2.11. 2008

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2 Gedanken zu “Die Magie des Kinos

  1. Spannende Familie , nicht nur des Namens wegen. Und das schöne Biberach im noch schöneren Oberschwaben ist immer einen Besuch wert.
    Adresse hängt jetzt dran…

  2. Verstehe garnicht, wieso der Herr Anton den wunderbaren Namen seines Vaters nicht übernommen hat!? ^^
    Ist das Festival immer Ende Oktober? Für den Fall, dass ich zu der Zeit mal in Biberach bin…
    Und magst Du die Adresse/URL noch dazutun?

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