Ein Käfig voller Narren ?

Was ist denn hier los ? Oder anders gefragt: warum ist hier denn nichts los ? Ein weltberühmtes Museum in der Nähe von Wien – aber kaum einer nimmt Notiz davon. Die Touristen rennen lieber in Scharen zu Tut-anch-Amun oder Van Gogh. Im „Art/Brut Center“ in Maria Gugging verlaufen sich an diesem Tag eine Handvoll Kunstinteressierte.

Dieses Bild von August Walla kann man sich in Gugging gleich einpacken lassen. Wenn man genügend Geld dabei hat. 32 000 Euro ist der Listenpreis. Walla zählt mit Johann Hauser, Johann Garber und Oswald Tschirtner zu den ganz Großen der „Art Brut“ – ihre Bilder sind in den wichtigsten Museen auf der ganzen Welt ausgestellt worden. In Gugging können ihre bekanntesten Werke ebenso betrachtet werden wie die Bilder, die gerade erst entstehen – in den Ateliers am Rande der ehemaligen Landesnervenheilanstalt in der Nähe von  Klosterneuburg. Heute sind vom „Irrenhaus“ nur noch drei Gebäude übrig geblieben: der ehemalige Kindergarten, das Museum Gugging und das „Haus der Künstler“, in dem die geistig Behinderten leben und auch arbeiten.

„Art Brut“  wird oft auch „Outsider Art“ genannt. Das trifft die Sache ziemlich gut: es geht um Kunstwerke, die psychisch Kranke oder Gefangene oder Menschen, die abseits der “ gesellschaftlichen Norm“ stehen, geschaffen haben. Meist sind es Menschen, die sich das Malen, Töpfern, Schneidern selbst beigebracht haben, teilweise auch als Teil ihrer Therapien. Farbexplosionen, wild, brutal im Ausdruck, grob und ungestüm,  die „Normalwelt“ völlig auf den Kopf gestellt – so wirkt die „Art Brut“. Dann auch wieder witzig, ironisch, lässig. Seit den späten 40er Jahren ist die Kunst der Außenseiter anerkannt, auch vom offiziellen Kunstbetrieb – inzwischen wird damit richtig Geld gemacht, sogar bei speziellen Kunstmessen.

Dem Psychiater Leo Navratil aus Gugging ist es vor allem zu verdanken, dass sich am Rande des Wienerwalds eine große Kolonie der wilden Künstler  bis heute etablieren konnte – inzwischen als Stiftung. Das Irrenhaus  aus dem 19. Jahrhundert ist mittlerweile plattgemacht . An seiner Stelle entsteht das „institute of science an technology austria“, eine Einrichtung der internationalen Eliteforschung.  Welch eine heitere Nachbarschaft wird da wohl in den nächsten Jahren entstehen ?

Das Museum ist beeindruckend, keine Frage. Wer etwas Glück hat, kann die in Gugging lebenden und arbeitenden Künstler treffen, wenn sie aus den Ateliers kommen und schnell eine Zigarette paffen. Und dennoch bleiben auch etwas zweispältige Gefühle nach einem Besuch übrig. Gugging, die Art Brut und die Künstler werden professionell vermarktet: es gibt eine eigene Design-Linie, Gugginger Marmelade, T-shirts, Bücher, Kugelschreiber, Taschen – fast alles, und alles mit dem gugging-Logo und seinen typischen Buchstaben G mit Schrägstrich.

Andererseits: die Stiftung lebt von diesen Erlösen und von Spenden der Vereinsmitglieder. Kunsttherapeuten oder Psychologen müssen bezahlt, das Museum und das Künstlerhaus betrieben werden. Die Künstler selbst machen einen ganz entspannten Eindruck. Sie scheinen die Ruhe und die Abgeschiedenheit und wohl auch den Weltruhm irgendwie zu genießen. Freundlich schaut der Künstler von seiner Arbeit auf und winkt kurz aus dem Fenster des Hauses der Künstler, das wenige Meter neben dem Museum steht. Ein heiteres und vielfotografiertes Gebäude, dessen Fassade schon viel über die „Art brut“ verheißt.

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5 Comments

  1. Ein wunderbarer Artikel. Du thematisierst ja bereits die Vorwürfe gegen Gugging, hinzu kommt, dass seitens der Kritiker eben teilweise der Punkt kommt, die Künstler würden dort gezielt hospitalisiert, es sei besser, sie medikamentös so zu versorgen, dass sie in irgendwelche Wohngruppen entlassen werden können. Möglicherweise steht dahinter aber auch latent der Gedanke, das ANDERE einfach glattbügeln zu müssen. Kenne jemanden, die dort gearbeitet hat, sie hat auch bestätigt, dass eine sehr gute Atmosphäre herrscht und dass die Künstler dort durchaus die Aufmerksamkeit schätzen, die ihren Arbeiten zuteil wird. Aber stimmt: es ist ein wenig umstritten und meines Wissens nach in dieser Form relativ einzigartig.

  2. Lakritze: Willkommen zurück aus dem Urlaub. Nun denn, die Sammlung Prinzhorn in New York zu sehen, ist natürlich Luxus pur. Der Abstecher nach Heidelberg ist etwas günstiger. Und Gugging: unbedingt sehenswert…

  3. Empfehle herzu auch Hans Prinzhorn, „Bildnerei der Geisteskranken“, von 1922. Die Prinzhorn-Sammlung habe ich in New York gesehen (und mir Feinde gemacht, weil ich die Texte auf den Bildern gelesen habe — damit war ich für eine Ausstellungsbesucherin zu langsam).

    Sollte ich jemals nach Wien kommen, ist Gugging Programmpunkt.

  4. Ein schöner Artikel! Und du bringst es ziemlich auf den Punkt – Gugging ist spannend und unterhaltsam, vor vielen Bildern bleibt man staunend stehen angesichts der Fülle an eindrücken und unorthodoxen Techniken. Und gerade die Kombination der Bilder mit den Krankengeschichten macht die Besichtigung aufregend. Andererseits entgeht man auch dem Flair des Voyorismus nicht ganz. Es bleibt die Neugierde – was geht in den Menschen vor, die hier in ihrer eigenen Welt leben und malen? Deren Bilder in Tokio, New York und Paris bewundert werden und denen das wohl bewußt ist, aber ziemlich egal zu sein scheint… Und wo endet die Neugierde und beginnt der Voyorismus? Das sind Fragen, denen man nach einem Besuch in Gugging sicher ausgesetzt ist.

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