Mörderische Plätze (1): Bohnenviertel Stuttgart

Wenn Georg Dengler durch die Wagnerstraße geht, dann hat er meistens ein klares Ziel vor Augen: das „Basta“, Olga und Wolfgang. In dieser Reihenfolge. Das „Basta“, die schicke Weinstube, in der die meist gut aussehenden oder zumindest gut betuchten Stuttgarter ihren Roten trinken und kleine Gerichte zu sich nehmen, ist Denglers Heimat. In diesem Haus wohnt er, hier stürzt er gerne ab, hier erklärt er anderen die Welt. Olga, die Nutte, ist seine Sparringspartnerin, seine Freundin, seine Geliebte, seine Vertraute. Und Wolfgang, sein Freund, bekommt den Rest ab.

Georg Dengler ist „Private eye“, Detektiv, Schnüffler. Einer der ganz wenigen, die es überhaupt in Deutschland gibt. Matula ist noch so einer, aber der ist ja kein richtiger Detektiv. Er fährt meistens nur den Wagen durch Frankfurt.

Georg Dengler ist ein echter, ein richtiger Detektiv. Und bis er entstanden war, dauerte es ganz schön lange. Wolfgang Schorlau, der die Dengler-Krimis geschrieben hat, wollte unbedingt einen Privatermittler. Ein Privatdetektiv hat den Vorteil, dass er an keine Dienststelle gebunden ist. Der Autor kann ihn also dahin reisen und dort ermitteln lassen, wohin es ihm passt und wo es zumindest einigermaßen Sinn für die Story macht.

Aber irgendwie hat sich Schorlau auch breitschlagen lassen. Ein Detektiv fällt nicht einfach so vom Stuttgarter Himmel. Also brauchte Dengler ein Vorleben: als Zielfahnder beim Landeskriminalamt in der Taubenheimstraße in Bad Cannstatt, dass passte. Er überwirft sich mit dem LKA  – und wird Schnüffler. So einfach geht das.

Ein anderes Problem hat Schorlau mit seiner Figur aber noch nicht lösen können. Schorlau, der aussieht wie der Zwillingsbruder des ehemaligen Stuttgarter Theaterintendanten Friedrich Schirmer – also:schlotterdürr, langes, grau-gescheiteltes Haar, strenge Brille – liebt den Blues. Also muß auch Dengler ihn mögen, immer wieder schlau und situativ zitieren, aus Songs von Buddy Guy am liebsten.

Das haut dann so manche Story durcheinander. Wenn Georg Dengler also, der einen unglaublich spannenden und verwobenen Fall aus der Kriegszeit lösen muß, plötzlich in Chicago aufkreuzt und dort…. richtig, Buddy Guy und die rätselhafte schwarze Schönheit trifft. Nun, ja.

Stark ist Dengler dann, wenn er in seiner wirklichen Heimat unterwegs ist. Im Bohnenviertel.
Das ist sehr detaillreich beobachtet und beschrieben, die Typen, die hier ein- und ausgehen, sieht man hier auch im „normalen Leben“ rumlaufen, sie treiben sich rum im „Brett“, dem altlinken Debattierklub beim Schellenturm, sind Galeristen, Trödler, arbeiten in der Gastronomie. Und den einen oder anderen trifft man auch noch ziemlich spät in der Nacht in der Kneipe von Boxlegende Attila Parge. So ist das Bohnenviertel. Ein kleiner Kosmos, abgeschirmt von der Innenstadt durch die sechsspurige Bundesstraße 14, die an dieser Stelle den Talkessel teilt. Ein sehr vitales Viertel, bunt durchmischt mit Bohemians und Menschen vom Balkan, die in den geförderten Stadtwohnungen leben.

Mittendrin: das „Basta“. Es soll Leute im feinen Tuch gegeben haben, die am schönen Tresen mit Blick auf die Wagnerstraße das fachkundige Personal nicht nur nach einer empfehlenswerten Position auf der Weinkarte mit 40 offenen Gewächsen gefragt haben, sondern auch: „Ist der Dengler heut nicht da?“. Aber das ist wahrscheinlich auch nur eine gut erfundene Geschichte.

„Basta“ Weinstube Stuttgart Wagnerstraße
Wolfgang Schorlau u.a. „Das dunkle Schweigen“, „Fremde Wasser“, „Die blaue Liste“ erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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3 Gedanken zu “Mörderische Plätze (1): Bohnenviertel Stuttgart

  1. Gegenüber vom Basta ist Peters Trödelladen, auch eine Institution im Bohnenviertel, über die es viel zu sagen gäbe.

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