Der Sechs – Milliarden – Wahnsinn

Eigentlich hab ich doch gar keinen Grund zum Meckern. Ich spare 35 Minuten (in Worten: fünfunddreißig !) bei jeder Fahrt Richtung München und weiter Richtung Wien. Herrlich! Was ich mit dieser geschenkten halben Stunde künftig alles anfangen kann! Einen zusätzlichen Kaffee im „Sperl“, die Liebste noch länger auf dem Bahnsteig küssen. Mir wird schon was einfallen. Künftig – also so ungefähr in zehn oder zwölf oder 15 Jahren.

Fangen wir mal von vorne an. Da hat das Ganze noch einen gewissen Sinn. Der ist mittlerweile abhanden gekommen und versteckt sich hinter dem blödsinnigen Slogan „Das neue Herz Europas!“. Es geht um „Stuttgart 21“ – dieses gigantische Bahnprojekt, das den Stuttgarter Hauptbahnhof zum unterirdischen Durchgangsbahnhof machen wird und die Rumpelstrecke über Geislingen/Steige zur Hochgeschwindigkeits-Trasse.

Der ganze Spaß begann damit, dass ein Professor der Uni Stuttgart vorausgesagt hatte, dass Stuttgart mit seinem (denkmalgeschützten) Kopfbahnhof von allen europäischen Verkehrsmagistralen abgeschnitten und vollends in der schwäbischen Ödnis versinken werde, wenn nicht das Großprojekt komme. Das ist ungefähr 25 Jahre her.

Andere Städte lieben ihre Kopfbahnhöfe, haben ihnen eine neue Bedeutung gegeben oder werden dies noch tun: Paris, Frankfurt, London, Wien. Keine dieser Städte ist deshalb untergegangen. In Stuttgart aber vertraut man noch den Vorhersagen des vergangenen Jahrhunderts.

Seitdem wird geplant und gerechnet und geplant und gerechnet. Aber jetzt hat sich eine Troika gefunden, die diesen Plan auf Teufel komm raus realisieren will: Hartmut Mehdorn, Ministerpräsident Günther Oettinger und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. Die Drei sind nicht mehr zu bremsen – und wohl auch das Wahnsinnsprojekt nicht. Sie sind so in „Stuttgart 21“, in ihr eigenes Denkmal verliebt, haben ihr Überleben im Amt dermaßen von dieser Idee abhängig gemacht – dass es kein Zurück mehr geben wird – Menschenkette hin, Bürgerbegehren her, Knappe Kassen, Scheiß drauf…!

„Freu dich doch“, sagt die Liebste – „35 Minuten mehr für uns, jedes Mal „. „Ja,Ja,schon….“, lautet die zögerliche Antwort. 35 Minuten, das hat schon was – in Wien. Nur: Stuttgart wird ein Jahrzehnt zur gigantischen Baustelle, und die Stadt wird hinterher nicht mehr so sein wie sie jetzt ist. Hinter dem Bahnhof wird eine neue Stadtmitte entstehen. Wie die aussehen wird: bitteschön, ein Vorgeschmack:

Schon jetzt ist ein Drittel im „Neuen Herz“ Europas bebaut: von Banken und den dazugehörigen Finanzdienstleistern. Seelenloser postmoderner architektonischer Einheitsbrei – nach Feierabend mausetot, keine Kneipen, kein Leben, Nichts ! Kein Mut, keine Vision, nur hasenfüßige Grau-in- Grau-und-dazwischen-noch-ein-Springbrunnen-Bebauung. Renzo Piano, Hans Hollein und wie ihr alle heißt, kommt nie wieder in die selbsternannte „Wiege der Architektur“ (Merian) – ihr werdet bittere Tränen weinen müssen.

„Aber die 35 Minuten !“, sagt die Liebste, auch etwas ruhiger geworden. Ja stimmt, die werden tatsächlich eingespart.Aber nicht weil der Kopfbahnhof tiefergelegt wird (die eingesparte Zeit lässt man an der neuen Haltestelle „Messe/Flughafen“ wieder liegen), sondern weil die Trasse über die Schwäbische Alb ausgebaut wird. Aber unsere Drei von der Baustelle haben sich festgelegt: „Ohne neuen Bahnhof – keine neue Trasse! “ Punkt. Ende der Lausprecherdurchsage!

Sechs Milliarden wird das Projekt kosten. Mindestens. Schon jetzt jagt eine neue Berechnung die nächste. Wer die Baudisziplin der öffentlichen Hand und hier besonders der Bundesbahn kennt, der fürchtet sich vor der Schlußrechnung. Sechs Milliarden für 35 Minuten. Das macht pro Minute….

„Ach,lass den Quatsch“, sagt die Liebste…und nimmt mich in den Arm.

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2 Gedanken zu “Der Sechs – Milliarden – Wahnsinn

  1. 35 Minuten auf der Hin- und 35 auf der Rückfahrt — das macht immerhin schon eine Stunde zehn.

    Solange man die dann nicht „Neuen Herzen“ verbringen muß, ist doch alles gut.

  2. wassily, wassily – ich fürchte Du hast Dich mit diesem Artikel mindestens der Hälfte Deines weiblichen Fanclubs beraubt. Die sitzen jetzt schmollend in der Ecke und stecken rostige stumpfe Stecknadeln in kleine Sockenpüppchen, die mit schmierigen Kajal die Worte ‚die Liebste‚ quer übers Gesicht geschrieben haben…

    Aber die 35 Minuten sind ja trotzdem nicht zu verachten ^^

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