„Caffé Storico Fantoni“ in Villafranca

Was kann es Schöneres geben:im Süden ankommen, die Luft ist lau, die Menschen sehen irgendwie friedlicher und gelassener aus, der Hintern schmerzt von der langen Fahrt, das Kreuz zwickt – und dann erblickst du ein Kaffeehaus. Was heißt Kaffeehaus ? Nicht irgend ein Kaffehaus.Es ist das Caffé Storico Fantoni in Villafranca. Und du bist dir sicher: alles wird gut!

Es gibt abgedroschene Begriffe wie „traditionsreich“ oder das „erste Haus am Platz“. Für das Fantoni ist es schwer, die passende Stimmung zu treffen. Hier wird „gelebt“. Von der Fassade bröckelt der Putz, die Leuchtreklame hat auch schon bessere Zeiten erlebt,das Interieur wirkt etwas angestoßen, einzelne Spiegel sind leicht blind, die schöne Elektra in der Ecke ist durch einen modernen Vollautomaten ersetzt worden. Auf dem Flügel der Brüder Stingl aus Wien ist schon länger nicht mehr gespielt worden, die vielen Urkunden und Ehrenpreise der Leistungsschauen von Mailand, Lyon oder London tragen Jahreszahlen, die lange,lange zurückliegen.

Die Tische aber sind gut belegt, die Menschen sitzen, reden,tratschen,diskutieren lebhaft über die Zeitungsschlagzeilen, über das letzte Heimspiel von Chievo ebenso leidenschaftlich wie über die drohende Pleite der Unicredit, über den 80 Geburtstag der Tante ebenso wie über die ewigen Umleitungen beim Bau der neuen Umgehungsstraße. Alltagsleben, für uns Mitteleuropäer irgendwie unglaublich anziehend, auch wenn uns eine gewisse Lässigkeit zunächst abgeht. Aber man kann sich schnell daran gewöhnen. Nur Dasitzen, Schwätzen, Schauen – oder nichts tun. Entweder drinnen in der eher gediegenen Atmosphäre des Kaffeehauses – oder draußen in der Sonne auf dem Trottoir mit einem schönen Blick auf die Burg der Skaliger.

Das Fantoni ist ein magischer Platz. Caffé, Konditorei, Hersteller von Likören und von einem Süßgebäck, das hier im Veneto “ sfogliatine“ genannt wird, ein Blätterteiggebäck mit einer süßen Zuckerschicht. Darüber, wer die edelsten „sfogliatine“ macht, ist in Villafranca di Verona ein heftiger und bizarrer Streit entbrannt, zwischen dem Fantoni, das von sich behauptet, die allerersten und die allerbesten herzustellen und der neumodischen Konkurrenz von gegenüber, die sich mit einem Zeitungsartikel brüstet, in dem es heißt, der aktuelle Papst bevorzuge die Produkte dieses Hauses.

Dieser Wettlauf um Anerkennung, um die Spitzenposition in der Stadt und in der Umgebung hat im Fantoni leider zu einem bedauernswerten Fehlgriff geführt – entweder unabsichtlich, was vielleicht noch entschuldbar wäre, oder absichtlich, was einen Makel nicht auf das Caffé, aber zumindest die Besitzer werfen würde. An prominenter Stelle steht schmuckvoll gerahmt die Danksagung eines Mannes, der den Faschisten in Italien ideologisch den Weg gebahnt hat: Gabriele d`Annunzio bedankt sich bei der Familie für den wunderbaren Likör namens „Fiume d`Aqua“. Datiert ist dieses Schreiben vom 21. Juni 1921, als der Dichter und Philosoph schon in einer Villa am nahen Gardasee lebte und von den Faschisten eine üppige Appanage dafür erhielt, dass er sich politisch nicht aktiv einmischte und Mussolini seinen Erfolg nicht streitig machte. Es soll ihm ziemlich schwer gefallen sein. Solcherart Werbung – eine Geschmacklosigkeit, die aber offenbar niemand der Gäste wirklich stört!

Caffé storico Fantoni Villafranca di Verona Corso Vittorio Emanuele II 165
Telefon:045.7900304

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2 Gedanken zu “„Caffé Storico Fantoni“ in Villafranca

  1. Jou, dass du ausgerechnet als Wienerin Orientierungsprobleme haben solltest, halte ich für ausgeschlossen. Ihr kommt doch mit einem Kaffeeradar in der Nase auf die Welt.

  2. Ja, wenn ich jetzt die Augen schließe, kann ich mir das alles lebhaft vorstellen! Kein Wunder, bei der detaillierten Beschreibung. Aber was mach ich nun, wenn ich die Augen wieder öffnen sollte und mich den grauen nebelverhangenen Wiener Gassen nicht stellen will? Ich mein, bis ins Bett schaff ichs vielleicht noch blind zum Preis ein paar blauer Flecken, aber morgen? ^^

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