Der wilde, wilde Westen

Wo liegt er denn nun, der wilde,wilde Westen ?  Fängt er gleich hinter Hamburg an, in „einem Studio in Maschen, gleich an der Autobahn“, wie uns eine deutsche Country-Band vor vielen, vielen Jahren mal weiss machen wollte. In meiner Zigarettenschachtel ist zu wenig Platz für wilde Jungs, wilde Pferde und noch wildere Indianer.  Und die Cowboys die ich im Monument Valley getroffen hab, hatten nicht wirklich was von John Wayne und die Eingeborenen nichts von Winnetou an sich. Wo also liegt der wilde,wilde Westen ?

Der deutsche wilde Westen, das steht fest, liegt In Dossenheim, Rhein Neckar-Kreis, 12.000 Einwohner, fünf Kilometer weg von Heidelberg. Der Bürgermeister von Dossenheim heißt Hans Lorenz, aus Dossenheim kommt Charly Körbel, der es später bei Eintracht Frankfurt zur Fußballer-Legende gebracht hat. Und Dossenheim klingt, englisch ausgesprochen, irgendwie ähnlich wie Dodge City in Kansas/USA. 

Dossenheim liegt am Fuß des Odenwalds (Das müssen dann die blauen Berge sein, von denen wir kommen…) und  hat auch eine Sehenswürdigkeit: „Typisch und Wahrzeichen sind die weit sichtbaren, rot-gelb leuchtenden ehemaligen Porphyrsteinbrüche, die wie Wunden in das bewaldete Gebiet eingeschnitten sind“, sagt uns WIKI. In diesen Steinbrüchen wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts deutsche Filmgeschichte geschrieben. Der Neckar-Western ist dort entstanden, aufregende Schwarz-Weiß-Streifen wie „Bull Arizona – der Wüstenadler“(1919) , „Bull Arizona – das Vermächtnis der Prärie“ (1920) und „Red Bull – der letzte Apache“(1920). Das mit dem „Red Bull“ ist übrigens kein Verschreiber.

Also – in diesem Steinbruch bei Dossenheim führte ein Mann Regie, der später wirklich groß rausgekommen ist, und ballerte ein Schauspieler als wilder Revolverheld um sich, von dem man später nichts mehr gehört hat.

Der Regisseur war Phil Jutzi, bürgerlich Philipp Jutzi, der im pfälzischen Altleiningen bei Bad Dürkheim auf die Welt gekommen ist. Ein Mann, der an die hundert Filme gedreht hat, darunter so putzige Streifen wie „Ich tanke, Herr Franke“, „Der Bart ist ab“ oder „Die Seitensprünge des Herrn Blohm“. Jutzi war aber auch der Regisseur im großartigen Film „Berlin Alexanderplatz“  von 1931 mit Heinrich George in der Hauptrolle. Und Jutzi war auch – nach seinem Umzug in die Hauptstadt Berlin – ein Mann , der erst in die KPD eingetreten , dann wieder ausgetreten ist und sich letzlich zeitlich gut passend 1933 der NSDAP angeschlossen hat.  Angefangen hat seine Karriere aber  mit den Western-Filmen im Auftrag der Heidelberger „Internationalen Film Industrie GmbH“.

Jeder Western braucht einen anständigen Hauptdarsteller, das wissen wir aus der Dramaturgielehre der „Heldenreise“. Der war in jenen Tagen auch schnell gefunden: Hermann Basler, Sohn eines Fabrikanten aus Ludwigshafen, also aus gutem und vermögendem Hause. Sein Vater hatte ihn zuvor für ein Jahr ins Ausland geschickt, er lebte und arbeitete in den Vereinigten Staaten.  Ein gut aussehender junger Mann mit USA – Verangenheit, genau die richtige Wahl für die Neckarwestern also. Publikum und Kritik waren von ihm gleichermaßen begeistert. „Bull Arizona – der gewaltigste, der raffinierteste, der tollkühnste, der beste Western“ schrieb damals stolz die Zeitung in Heidelberg.

Die Blütezeit des Westerns made im Odenwald war aber auch schnell wieder vorbei. Basler machte eine Unternehmerkarrire in der Holzindustrie und stellte Faserplatten her. Die Filmerei, die wilden Verfolgungsjagden und die schmachtenden Liebesszenen waren ihm später eher peinlich.

Nicht zu großem Ruhm kamen auch die Kleindarsteller in den Western. Als Statisten wurden Industriearbeiter aus dem Ludwigshafener Arbeitervorort Hemshof billig verpflichtet – an ihren arbeitsfreien Sonntagen.

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11 Gedanken zu “Der wilde, wilde Westen

  1. Jou, meine Bildungslücke in Westerngeschichte ist aber größer als Deine in Architektur. Ich kanne _nur_ Winnetou, sonst keine Western.
    Und Pierre Brice hat „schöne“ andere Sachen gemacht, etwa diese hier: http://www.imdb.com/title/tt0074061/ — mit Edgar Wallace verglichen ist das wie ein fadenscheiniges Schlauchboot neben einem frisch gestrichenen Öltanker.
    Einmal hätte ich M. Brice beinahe kennengelernt, dann aber doch nicht. So ist das im Leben.

  2. Ach ja, jetzt erinner ich mich wieder! Wird da nicht auch so ein zerrupfter Weihnachtsbaum ans Dach gefesselt? Kam mir immer etwas abstrus vor…

    Au ja – Edgar Wallace! Noch besser gehts fast nicht mehr! Auf irgendeinem Sender liefen doch letztes Jahr Edgar Wallace Nächte, nicht? Die waren genial!!!

  3. Ja, das hat was Schön- Sentimentales: Sonntag,draußen Regen, richtiges Sauwetter – drinnen einen schönen Kaffee, einige Kerzchen, Kuschelecke… und dann Winnetou I – III oder „Schatz im Silbersee“. Rührend, etwa so wie die Edgar Wallace Filme von früher, als ich mich vor dem irren Klaus Kinski noch wirklich gefürchtet hab. Aber schauspielerisch war das alles schon unterirdisch.
    Richtfest: feiert man in der Regel dann, wenn beim Hausbau die Zimmerleute den Dachstock fertig haben, also aufgerichtet haben. Das geht meist einher mit vielen schlechten Reimen und ziemlich viel Schnaps. Insofern wird sich Tatanka-Gletschi hoffentlich gut amüsieren im Odenwald… beim Richtfest.

  4. Welche Bildungslücke genau meinst Du? Dass er noch soviele andere Filme spielte, aber nur als Winnetou bekannt ist (zumindest bei uns)?
    Das wundert mich eigentlich garnicht so. Hab Pierre Brice einmal in einer Diskussionsrunde gesehen und irgendwie hat er einen ähnlich schwammig ‚weisen‘ Redestil wie Winnetou – schien mehr so, als spräche da der Häuptling der Apachen in Hemd und Jeans, als der Schauspieler Pierre Brice. Irgendwie scheint ihm die Rolle doch in Fleisch und Blut übergegangen zu sein?
    Aber es gibt halt auch kaum was besseres, als Sonntag Nachmittags alte Winnetou Filme anzugucken ^^

    Meine penliche Bildungslücke bezieht sich hingegen darauf, dass ich nicht weiß, was ein Richtfest ist 😦

  5. Von „Bull Arizona“ ist nur noch ein Teil komplett erhalten, am anderen haben wohl die Geier genagt. Gelegentlich gibt es in Heidelberg noch Vorführungen… richtig schön, wie früher mit Klavierbegleitung. Wenn ich mal wieder von einem Termin höre, sag ich der Squaw In Wien Bescheid. Das wäre doch ein prima Grund für deinen nächsten Deutschland – Besuch. HOWGH

  6. Ah, schöner Artikel! Mein erster Gedanke galt natürlich den köstlichen Goyko Mitic Streifen. Aber der klingt ja fast noch spannender! Jetzt müsste man ihn nur noch sehen können…

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