Das Auge der Riefenstahl

(c) Staatsarchiv Freiburg

Sepp Allgeier – das klingt banal. Irgendwie wie Franzl Huber oder Loisl Weidinger, das riecht nach Bergidyll und Lederhose, nach Hergottswinkel und Almabtrieb. Aber dieser Allgeier war ein Schwarzwälder und einer, der die Welt des Films verändert hat, wie nur wenige. Einer der umstritten war und ist, an den in Deutschland kaum erinnert wird.

Im Schwarzwälder Skimuseum in Hinterzarten hängen einige beeindruckende und harmlose Fotos von ihm, in Freiburg gibt es eine nach ihm benannte Straße, über die ich neulich bei einem Besuch meines Bruder gestolpert bin. Aber sonst ?
Dabei war Josef “Sepp” Allgeier der Kameramann von Leni Riefenstahl.

Josef Allgeier ist in Freiburg zur Welt gekommen, hat eine Lehre gemacht – als Textitlzeichner. Seine ungewöhnliche Leidenschaft aber waren Bilder: Bilder aus den Bergen, Bilder von Skiläufern, von Bergsteigern, von Menschen in Extremsituationen, aufgenommen in extravaganten Situationen und dramatischen Bildkompositionen.

Allgeier arbeitete früh für eine Freiburger Filmfirma, mit der er 1912 den Film “Alpine Technik des Kletterns” drehte. Er war unterwegs mit Polarexpeditionen, im Balkankrieg, dokumentierte die Besteigung des Monte Rosa, wurde Kriegsberichterstatter im ersten Weltkrieg. Über seinen Schwager hatte er den Regisseur Arnold Franck kennengelernt, mit dem er einige Filme realisierte.

Richtig bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit über die Filme mit dem Südtiroler Luis Trenker, etwa der “Rebell” oder “Berge in Flammen” oder “Der heilige Berg”, “Die weiße Hölle vom Piz Palü”. Diese Filme machten auch die junge Leni Riefenstahl berühmt.

Seine Filomgraphie liest sich insgesamt reichlich pathetisch: “Die Tragödie der Schröder-Stranz-Expedition” (1913), “Alpentragödie” (1927) oder “Tagebuch einer Verlorenen” (1929). Insgesamt sind etwa 70 Filme dokumentiert, an denen Sepp Allgeier beteiligt war. Über den Menschen Sepp Allgeier ist dagegen wenig in Archiven hinterlegt.

Das hat wohl mit der Rolle zu tun, die er in den 30er Jahren spielte. Leni Riefenstahl, die über die Bergfilme zur neuen deutschen Heroin geworden war, arbeitete früh als Regisseurin mit Allgeier zusammen und machte ihn zu ihrem Chef-Kameramann in “Sieg des Glaubens” und “Triumph des Willens”. Jenen Dokumentarfilmen, die Hitler und Co mit völlig neuen ästhetischen und gestalterischen Maßstäben der Kamera und des Bildschnitts inszenierten. Allgeier wurde das “Auge” der Riefenstahl, für die er auch den Polen-Feldzug drehte.

In den Veröffentlichungen von “Der Archivar” heißt es nur lapidar, dass Allgeier 1936 zum “Reichskultursenator” ernannt wurde. Interessant allerdings: Allgeier hat einen imposanten Nachlass von mehreren tausend Negativen hinterlassen, die vom Staatsarchiv Freiburg erworben werden konnten. Nur Negative aus den Jahren 1933 – 1945 fehlen. Allgeier soll sie nach Angaben seiner Verwandten vernichtet haben.

Nach dem Krieg kehrte Allgeier nach Freiburg zurück, arbeitete als Kameramann bei Sportereignissen, wurde Chefkameramann beim Südwestfunk in Baden-Baden (heute SWR). Seine späten Filme heißen dann “Wintersonne über dem Schwarzwald” (1950), “Es steht eine Mühle…” (1951) oder “Baden – der Garten Deutschlands ” ((1951). 1966 erhielt Allgeier das “Filmband in Gold”, zwei Jahre vor seinem Tod.

Sepp Allgeier: ein absolut interessantes, widersprüchliches Leben. Es wird Zeit, mehr über diesen Menschen, seine Motvation, seinen Enthusiasmus für Bilder und seine politischen Motive zu erfahren. Sein Buch “Die Jagd nach dem
Bild” von 1931 ist noch in einzelnen Antiquariaten erhältlich.

Allgeiers Sohn Hans-Jörg ist ebenfalls Kamermann geworden. Er drehte unter anderem Spielfilme mit Sönke Wortmann, Tatort-Krimis und Bloch-Episoden.

 

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2 Comments

  1. Ich lass das Buch grade in unserer Bibliothek recherchieren….
    Die Negative – wenn es seine privaten waren, denke ich schon, dass er ein Interesse hatte, die verschwinden zu lassen.
    Irgendwie ein Schattenmann – ich hab kaum Hinweise auf ihn gefunden, von Fotos aus der Zeit ganz zu schweigen.
    Ganz spannend:
    http://www.mediaculture-online.de
    und da: zimmermann, Peter Propagandafilm

  2. Wow! Spannender Artikel!
    Hast du das Buch?

    Kann Allgeier wirklich alleine die Negative dieser Jahre besessen haben? Da gibts doch sicher noch irgendwo Material, nicht?

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