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Magris im San Marco

Cafè San Marco: Arbeitszimmer von Claudio Magris

Cafè San Marco: Arbeitszimmer von Claudio Magris

Er ist ein vielgefragter Mann in diesen Tagen: Claudio Magris. Der 70 Jahre alte Germanist, Romancier, Essayist und Übersetzer aus Triest erhält zur Stunde in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

(c) Danilo de Marco

(c) Danilo de Marco

Gut, ich hätte ihn auch fotografieren können bei unserem Besuch vor einigen Tagen in Triest. Claudio Magris saß in einer Ecke des San Marco, gut gelaunt, irgendwie aufgeräumt, und plauderte mit einem deutschen Radioreporter. In fließendem Deutsch, soviel war vom Nebentisch zu vernehmen. Aber keine Frage, die Schwarz-Weiß – Bilder von Danilo de Marco sind einfach eine Klasse für sich. Ein Besuch auf seiner Hompeage ist eine Entdeckungsreise in die Welt der italienischen Dichter und Denker und damit auch in die italienische Seele. Auf der Seite kann man auch das sehr hübsche Video „Argonauta“ über Magris anschauen.

In der Begründung des Stiftungsrates heißt es zur Preisverleihung:  In seinem literarischen Werk hebt Magris hervor, „wie kreativ die Verschiedenheit sein kann, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet wird. Dies führt zu einem Verständnis, das ihn zu einem streitbaren Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken gemacht hat. Claudio Magris tritt für ein Europa ein, das nicht allein unter ökonomischen Gesichtspunkten sein Selbstverständnis erreicht, sondern seine geschichtliche und kulturelle Tradition und Vielfalt bedenkt und darauf beharrt.“ Daneben schreibt er kritische  Zeitungs- Kolumnen, in letzter Zeit häufig gegen  Il cavaliere  Berlusconi und dessen absurdes Verständnis von Politik und Moral.

sanmarcokasseZurück ins Café San Marco in Triest. Das mit Abstand schönste Kaffeehaus der Stadt ist das Arbeitszimmer von Claudio Magris. Es klingt wie ein PR-Gag für das Traditionscafé, das nach seiner Renovierung seit etwa einem Jahrzehnt wieder ein beliebter Treffpunkt für Flaneure, Zeitungsleser und Jugenstilfreunde geworden ist. Mitten in dieser anregenden Kaffeehaus- Atmosphäre steht ein Schreibtisch mit Telefon, Stift und Papier, dahinter ein Regal vollgestopft mit Büchern, Zetteln, Notizen. Der Schreibtisch ist für andere Gäste tabu  – hier schreibt Claudio Magris.

In einem Interview hat er gesagt: „Im San Marco habe ich das Gefühl allein zu sein und nur mit den Dingen, die für mich notwendig sind. Es ist wie bei einem Schiffbrüchigen, der Cafétisch ist wie ein Stück Holz. Natürlich könnte ich nicht in einem Café schreiben, wenn die Musik zu laut wäre. Aber dieses Stimmengemurmel – es ist wie eine Musik des Lebens. Man ist allein, aber ohne jede Isolierung.“

Das spricht für ihn – das spricht aber auch für den Charme des „Cafè San Marco“ in der Via Battisti 18 in Triest.

Und die Gondeln ?

Canale grande, Triest

Canale grande, Triest

Gedenken auf italienisch (1)

Ara pacis Medea in Friaul

Ara pacis Medea in Friaul

Medea südlich von Udine hat einen hübschen und mythologischen Namen und ist doch ein ziemlich unspektakulärer Ort mit fast genau 1 000 Einwohnern: einige Weinbauern, Handwerker, ein Ristorante mit kalabresischen Spezialitäten, ein Tabacchi – das Übliche halt. Aber oberhalb der kleinen Landgemeinde, auf einem Hügel mit weiter Sicht ins Tal hinein, liegt die Gedenkstätte für die Gefallenen aller Kriege – ARA PACIS MUNDI. Eine für italienische Verhältnisse sehr bescheidene  Stelle, um der vielen Toten zu gedenken, die hier im hügeligen Land an der slowenischen Grenze sinnlos ihr Leben lassen mussten, aufgerieben in einem irrsinnigen Stellungskrieg, der Züge des Wahnsinns von Verdun trägt.

Zwischen Juni 1915 und Oktober 1917 lagen sich in dieser Gegend die österreichische und die italienische Armee gegenüber. Insgesamt gab es zwölf mörderische Schlachten am Isonzo (die Italiener zählen nur elf – die zwölfte Schlacht brachte ihnen eine fürchterliche Niederlage). Das Gemetzel forderte einige hunderttausend Tote und eine ungezählte Zahl von Verwundeten und Krüppeln  – für einen Landgewinn von wenigen Kilometern.

Es gibt etliche  Hompages und Veröffentlichungen, die sich akribisch mit den Isonzo-Schlachten beschäftigen. Fast hat man den Eindruck, als verewigten sich darauf  nur Detail-Fetischisten, so eiskalt und sachlich lesen sich die minutiösen Auflistungen von Toten, Verletzten, Gefangenen, Geländegewinnen,  erbeutetem schweren Gerät. Dass die Schlachten am Isonzo das Inferno schlechthin waren, dass die Militärs ihre Soldaten wegen der Eroberung eines Hügels in den sicheren Tod schickten, dass es  in großem Stil Giftgas vom Himmel regnete, ist kaum oder selten zu lesen.

Nur eine Eintragung lässt den wirklichen Schrecken erahnen:
Sowohl feindliche wie auch eigene Artillerie zerwühlten Erde und Gefallene, so daß vor allem während des Schlachtengetümmels zerfetzte menschliche Leiber und Glieder herumlagen, die in mehr oder weniger starke Verwesung übergingen. Zusammen mit starken Niederschlägen entstand daraus ein übelriechender klebriger Brei. Rutschten auch unverwundete Soldaten in einen mit diesem Brei gefüllten Granattrichter, kamen sie elendiglich darin um.“

Ernest Hemingway hat diesen Schlachten im Roman „In einem anderen Land“ 1929 ein Denkmal gesetzt. Das Mahnmal oberhalb von Medea ist 1951 errichtet worden. Schlicht, würdig, unpathetisch – besonders in den Morgenstunden, wenn die weiche Herbstsonne flach auf den Hügel fällt. Es erinnert an die Gefallenen aller Kriege. Ein schreckliches Kapitel spielte sich in unmittelbarer Nähe ab – 888 Tage lang, am Ufer des Isonzo und in den Hügeln drumherum.
Auf der Bronzetafel des Mahnmals steht:

L`odio produce morte - l`amore genera vita

L`odio produce morte - l`amore genera vita

Nachwuchs im Hause Elektra

Klein-Elektra im Café San Marco, Triest

Klein-Elektra im Café San Marco, Triest

Das Schrifstellercafé „San Marco“ in der Via Battisti in Triest ist in jedem Fall einen Besuch wert. Das ist Kaffeehaustradition in einer köstlich österreichisch-italienischen Melange. Zuckersüß ist auf einem der Tresen der kleine Sproß aus der wohlgeratenen Elektra-Familie .Ich habe nicht nachgefragt, aber es dürfte sich um die Retro S 1 handeln, das Baby der „Belle Epoque“ sozusagen, ein kleiner Blickfang inmitten eines großen Sammelsuriums an Jugendsstil – Raritäten.

Rom ist ganz nah

Plakatwand in Udine - leicht verfremdet

Plakatwand in Udine - leicht verfremdet

Rettet das Ritter !

Café Ritter Mariahilfer Str. 73 Wien

Café Ritter Mariahilfer Str. 73 Wien

Das „kleine Schwarze“ statt eines großen Schwarzen ? Nein, liebe Wiener, liebe Wien-Besucher und Kaffeehaus-Liebhaber ! So weit darf es nicht kommen. Das traditionsreiche „Ritter“ darf nicht einem Hausbesitzer geopfert werden, der lieber eine der x-beliebigen, gesichts-  und kulturlosen Nobelboutiquen als ein wunderschönes Kaffeehaus in seinem Gebäude haben will. Zum neuen Jahr droht das Aus für das „Café Ritter“. Gehet also hin, konsumieret reichlich, macht euch breit – besetzt das Ritter zur Not. Die Solidarität aller Liebhaber von Topfenstrudel mit Schlagobers ist euch gewiß.

Rom ist weit weg

Straßenszene in Cividale del Friuli

Straßenszene in Cividale del Friuli

Sterne des Südens

Enoteca di Cormons

Enoteca di Cormons

Feinkostladen in Cividale del Friuli

Feinkostladen Cividale del Friuli

Herrenausstatter Boggi in Udine

Herrenausstatter in Udine

 

Grafenecker Allee - der Anfang

Grafenecker Allee

Der Herbst, so wie wir ihn gerade haben, ist unbestreitbar die schönste Jahreszeit für einen Spaziergang auf der schwäbischen Alb. Der Himmel gestochen blau, die Wälder mit den tollsten Farbkapriolen, unter den Füßen raschelt das bunte Kastanienlaub. Eine bizarr-schöne Kulisse.

Am Ende dieser Allee aber haben die Nazis Ende 1939 ihre Experimente im massenhaften Töten begonnen und mit  gnadenloser Perfektion durchzogen. Dem Programm mit dem brutal scheußlichen und kurzen Namen „T 4“ fielen etwa 10 800 behinderte Menschen zum Opfer. Sie wurden innerhalb weniger Monate auf der Schwäbischen Alb wie Versuchskaninchen vergast,verbrannt und dann verscharrt. Ein Experiment für den millionenfachen Mord an den Juden, der erst darauf noch folgen sollte.

IMG_0003Im Oktober 2009 wird an diese Schreckensmonate auf der Alb erinnert – mit der lila Spur der Erinnerung. Eine spektakuläre und symbolträchtige Aktion, die von Grafeneck bis ins Zentrum  von Stuttgart reicht - auf den Karlsplatz. Dort steht das ehemalige „Hotel Silber“ , in der Nazi-Zeit Sitz der Geheimen Staatspolizei. Heute sitzt hier unter anderem eine Abteilung des baden-württembergischen Innenministeriums.

In Grafeneck (das liegt neben dem Landesgestüt Marbach im Kreis Reutlingen)  gibt es seit einigen Jahren ein Dokumentationszentrum, in Stuttgart tobt der Streit heftig, wie an die Verbrechen der Gestapo erinnert werden kann beziehungsweise muß. Im Keller des Hotels hatten die Gestapo-Schergen ihre Verhöre geführt, gefoltert und gemordert. Das „Hotel Silber“ steht vor dem Abriss, hier soll ein großkotziges Shopping-Center mit Luxushotel entstehen. Erst nach mächtigem Druck aus der Bevölkerung knickten Stadt und Bauherr wenigstens teilweise ein. Jetzt soll irgendwie ein „würdiger Gedenkraum“ gestaltet werden. Sehr seltsame Geschichte: nach dem Krieg wurde der Folterkeller komplett leergeräumt, jetzt wundert sich das Denkmalamt darüber, dass keine erhaltenswerten Spuren zu finden sind. Die Schicksale der Menschen, die hier zu Tode kamen, scheinen keine „erhaltenswerte Spur“ zu sein. 

Insofern ist es klug gewählt von den Initiatoren des „Gedankenstrichs“, das Abschlußfest auf dem Karlsplatz in Stuttgart zu veranstalten, direkt vor dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier. Entlang der 70 Kilometer langen Strecke gibt es viele Veranstaltungen, für die noch Spendengelder notwendig sind.

Dirndl ?  TRACHTEN !

Dirndl ? TRACHTEN !

Ich hab keine Ahnung, woher das kommt. Aber mir wird  ein libidinöses Verhältnis zu Dirndl nachgesagt. Kann ich mir irgendwie nicht erklären. Kann eigentlich auch gar nicht sein – denn was ich zur Zeit über mich ergehen lassen muss, ist Dirndl-Terror. Eine brutale Reizüberflutung an Miedern,Schürzen, Puffärmeln, Schleifchen und Rüschen.

Ich hab mir das nicht wirklich ausgesucht. Aber ich wohne nun mal zufällig an einer der Straßen, die direkt zum Cannstatter Wasen führt.Vor einem Jahrzent noch gabs solche Sachen nur einmal im Jahr zu sehen: beim Festzug zum Volksfest. Aber: das waren echte Trachten aus den Regionen des Landes, Jahrhunderte alt, die gesellschaftlichen und familiären Stand symbolisierten.

Heute quetscht sich jedes zweite Mädel und jede zweite Frau gnadenlos in ein Dirndl. Größe, Figur, Oberweite, Speckröllchen, Hüftumfang, Beinlänge – pupsegal, Hauptsache Dirndl! Schrecklich, kann ich euch sagen, meistens zumindest. Selten, dass ich mich nach einer Frau umdrehe. Und wenn, dann hätte ich das auch ohne Dirndl (ich meine, mit anderen Klamotten auch !) getan.

Der ästhetische Niedergang hat seinen Anfang in München genommen, von dort (und mit einem Gastronom, der ein großes Festzelt in Cannstatt übernommen hat) ist diese Schicki-Micki-Mode an den Neckar geschwappt. Der Festwirt hat allen Besuchern Eintritt in sein Zelt garantiert, die Dirndl tragen. Das hat er und das hab ich jetzt davon.

In Stuttgart gibt es mittlerweile 3 (!) Fachgeschäfte für Dirndl sowie einige Designer und Schneider, die Dirndl-Mode herstellen und verkaufen – in allerbester Citylage. Angeblich sollen Damen der Münchner Hautevolee zum Dirndl-Shopping nach Stuttgart reisen. Gottlob sind mir die Damen Ex- Effenberg, Ex-Kahn und Ex-Wasweißich noch nicht über den Weg gelaufen.

Ein Tag noch, dann hab ich es geschafft für dieses Jahr. Dann geh ich in Urlaub – und wenn ich zurückkomme, ist das Volksfest rum und damit auch die Dirndlei und der Overkill an Landhausmode.

Aber, wer jetzt immer noch Lust auf ein Dirndl hat, bitteschön, der Dirndl Psychotest. Und über die Männer, die in ihren Lederhosen aussehen wie Bratwürste im Naturdarm, sollen sich lieber mal die Frauen auslassen.

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