Das darf nicht wahr sein! Wie konnte das nur passieren ? Ein schwäbischer Mythos fällt in sich zusammen wie ein Soufflé, wird zerlegt in seine Einzelteile – in Suppenfleisch, Markknochen, Spätzle und Kartoffeln. Übrig bleibt ein profaner Eintopf, dem ausgerechnet die Nazis seinen klangvollen Namen verabreicht haben sollen – der „Gaisburger Marsch“.
Kann man einem Eintopf eine ganze Ausstellung widmen. Man kann – zu sehen im MuseO in Stuttgart – Gablenberg. Dort wird der Schwabenstolz und alle Legenden, die sich darum ranken, fachmännisch tranchiert. Nichts ist es also mit der hübschen Geschichte von den Soldaten der Bergkaserne, die in geschlossener Formation zum Eintopf-Fassen ins nahe Gaisburg ausgerückt sind. Falsch ist wohl auch die rührende Geschichte, wonach verliebte, treusorgende und vorausblickende Schwäbinnen (nicht ganz uneigennützig) ihren eingekerkerten Männern zur körperlichen Kräftigung diese Kohlenhydratbombe zubereitet haben.

(Dt. Historisches Museum)
Erste Rezepte des Eintopfs gab es wohl schon Ende des 19. Jahrhunderts. Seinen bis heute gebräuchlichen Namen aber – so können jetzt die Ausstellungsmacher nachweisen – bekam der „Gaisburger Marsch“ anlässlich des „Eintopfssonntags“, den die Nazis 1933 mit ihrem Winterhilfswerk ins Leben gerufen hatten. In einem Bericht des Neuen Tagblatts Stuttgart ist der Begriff zum ersten Mal zu lesen und der „Gaisburger Marsch“ wird beschrieben als „Eintopfgericht, das, wenn es gut zubereitet und wohl abgeschmälzt ist, sehr wohl seinen Mann nährt“. Zum reichsweit 4. Eintopfsonntag erschien eine Kolumne über die Eintopfgewohnheiten der NS- Prominenz. Bei Göbbels kamen Brühkartoffeln auf den Tisch, bei Göring Erbsensuppe mit Speck. Ganz am Rande wurde auch über regionale Besonderheiten berichtet und dabei fand der „Gaisburger Marsch“ aus Süddeutschland eine Erwähnung. Fortan war der Name in Deutschland im Umlauf … und hat sich bis zum heutigen Tag gehalten. Die Archivlage im Staatsarchiv ist eindeutig, die Beweise für eine Namenspatenschaft der Nazis sind er- und bedrückend.
Nur was tun, jetzt, da uns alleine beim Gedanken an die Namensgeber das feine Rindfleisch im Halse stecken bleiben will ? Da rinnt uns doch schon vor dem Essen des herzhaften Gerichts der Schweiss über die Stirn. Nennen wir das ganze einfach unverfänglich “Cornbell mit allerlei Köstlichkeiten von Bauer Hämmerle aus Bempflingen“ , bereiten es nach Großmutters Rezept zu und servieren es in einer großen Suppenterrine.
Zutaten (4 Personen):
750 Gramm feines Suppenfleisch vom Rind (Tafelspitze), 3 Markknochen, 1 Zwiebel, frisches Suppengemüse vom Markt, Lorbeerblatt – 300 Gramm hausgemachte Spätzle (handgeschabt oder aus der Spätzles- Presse)- 300 Gramm gewürfelte Salzkartoffeln, noch bissfest - in Butter geschmälzte Zwiebelringe, Schnittlauchröllchen
Ein Foto wird nachgereicht, sobald wieder Cornbell – Saison ist, also frühestens im Herbst. Andererseits, wenn der Sommer 2009 so weiter macht, vielleicht schon in den nächsten Tagen.
[...] (sehr spannend: das Bauernkriegsmuseum, sehr schmackhaft: die Ausstellung über den Gaisburger Marsch) über Schwaben im allgemeinen und besonderen. Und immer, immer wieder über Kaffee und [...]
Wassily, entschuldige bitte, aber in der Albravariante handelt es sich um ein typisches Samstagsessen, im Kochtopf serviert und das feine Rindfleisch wird mit kleingeschnittenen Saitenwürsten ersetzt.
Donna X,
nix zu entschuldigen. Aber ich hab auch schon von Arme-Leute-Varianten gehört, wahlweise mit Saiten oder Roter Wurst. Na ja, etwas gewöhnungsbedürftig, dieses „Laichinger Märschle“.
Die Macht der Worte…
Die Passage war etwas mißverständlich geschrieben und ist korrigiert. Hinweise, wer wem bei den Nazis was vom Tellerchen gefuttert hat, finden sich in der Ausstellung nicht.
Der Gestalt nach zu urteilen kann das Kohlenhydratbömbchen aber nicht so ausgiebig gewesen sein – oder hat Göring dem Goebbels regelmäßig die Terine leergefuttert?