
- Stuttgart Maßstab 1:1000
Es hatte schon seinen guten Grund, warum aus der Stuttgarter Stadtverwaltung niemand (bis auf einen pensionierten Bürgermeister) zu dieser Ausstellungseröffnung gekommen war. Es ging ja auch nur um die Frage „Stuttgart – wohin ?“. Und die Anworten, die im Rathaus darauf in den letzten Jahren gegeben wurden, waren alles andere als zufriedenstellend, geschweige denn visionär.

Roland Ostertag, der Stuttgarter Architekt und Architekturkritiker, ist schon mehrfach unangenehm aufgefallen. Mit seinem Schwarzbuch „Stuttgart soll schöner werden“ etwa, seinem Engagement gegen die Abrissbirne und gegen flache, langweile Architektur in der Stadt, vor allem aber seinem Dauerfeuer gegen das Milliadenprojekt „Stuttgart 21″. Ostertag ist nicht irgendwer. Er war immerhin mal Vorsitzender der Bundesarchitektenkammer und hatte zwei universitäre Lehrstühle inne, unter anderem an der TU in Wien.
Er ist etwas eitel und geltungsbedürftig, seine Generalkritik an der städtischen Konzeptionslosigkeit kann er aber perfekt unterfüttern. In der neuen Auststellung, die am Samstag eröffnet wurde, dokumentiert er eindrucksvoll und mit historischen Plänen, Skizzen, Gemälden und Fotos , wie Stuttgart zur Großstadt wurde – und wie Jahrzehnt um Jahrzehnt jede auch noch so kleine Chance vertan wurde. „Stuttgart ist geschichtlos – und deshalb gesichtslos“, erklärte er den Gästen bei der Ausstellungseröffnung. Gerade deshalb fehle eine Vision. Kein Wunder, dass aus dem Stadtslogan „Stuttgart – zwischen Wald und Reben“ schnell das „Stuttgart – zwischen Hängen und Würgen“ wurde.
Fritz Auer, Laudator bei der Ausstellung, hat bei Behnisch gelernt und gilt als ein international anerkannter Architekt und Stadtplaner. Er hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Investoren seien wichtiger als das Gemeinwohl, ein Flickenteppich von Einzelbauten gebe halt kein vernünftiges Ganzes. „Der Stadtboden gehört allen, nicht den Investoren“ – das ist Ostertags Credo. Ostertag hat sich in seinem Kampf für „seine andere Stadt“ jetzt einen bemerkenswerten Platz ausgesucht. Die Ausstellung ist in der Villa „Sonnenhalde“ untergebracht, jenem Gebäude am Fuß des Killesbergs, in dem der Unternehmer und Kunstmäzen Hugo Borst in den 30er Jahren zum Mittelpunkt der Stuttgarter Society wurde. In diesem schönen Ambiente hat auch das 30 Quadratmeter – Gipsmodell der City, Maßstab 1: 1 000, seinen Platz gefunden. Ostertag ist der Zeit mal wieder voraus:Die sechsspurige Hauptstraße an der Kulturmeile ist schon überdeckelt und schön begrünt, der Hauptbahnhof ist und bleibt ein Kopfbahnhof. Auch eine Antwort auf die Frage „Stuttgart – wohin ?“.
Die Ausstellung in der Borst-Villa, Gähkopf 3, ist an Samstagen von 11 bis 15 Uhr geöffnet.
Wäre Stuttgart wirklich zu wünschen, dass sich jemand mit der richtigen Sensibilität für öffentlichen Raum für das Stadtbild durchsetzen kann. Das hab ich mir schon bei den Wagenhallen gedacht. Wer plant so einen fantastischen Platz für platte Geldprojekte den Erdboden gleich zu machen, killt einfach Lebensqualität.
Unerträgliche Architektur, mit der manche Stadtplaner und Architekten unsere Städte vollstellen, lässt sich — im Gegensatz zu schlechter Musik und schlechten Büchern — auf Jahrzehnte hinaus nicht ignorieren, denn man kommt zwangweise täglich daran vorbei. Stadtplaner und Architekten tragen, finde ich, damit eine besondere gesellschaftliche Verantwortung.
(Warum sind neuderdings manche deiner Bilder so verzerrt — in die Breite gezogen wie bei einem schlecht eingestellten Fernseher?)
Sowas würd ich mir hier auch mal wünschen. Ich habe den Eindruck, daß sich bei uns die breite Bevölkerung nicht dafür interessiert, was mit ihrer Stadt passiert.
Unvergessen Wiglaf Drostes Kommentar zu Stuggi 21: „Stuttgart soll jetzt noch stuttgarter werden!“
Dein Kurzbesuch in Stuggi vergangenes Jahr scheint ja traumatische Spuren bei dir hinterlassen zu haben…