
Für alle auswärtigen Lesern hier eine Chronologie der dramatischen Ereignise zum umstrittensten Bahnprojekt Deutschlands – kurz S 21 . Ein milliardenschwerer Tiefbahnhof, dessen Sinn ebenso umstritten ist wie seine Finanzierung. Fest steht nur: Stuttgart würde ein Jahrzent lang eine einzige Baustelle. Jetzt gibt es gegen diesen Wahnsinn „Montagsdemonstrationen“ – gestern wurde eine 70 Jahre alte Dame vorübergehend festgenommen. Und noch etwas steht fest: gegen die Bahn-Neubaustrecke über die Schwäbische Alb bis Ulm hat niemand etwas einzuwenden.
31. Dezember, 17.42 Uhr
Berlin – Bahnchef Rüdiger Grube tritt vor die Presse und verkündet: „Stuttgart 21 ist gesichert“. Mit Baukosten von 4,49 Milliarden Euro sei man deutlich unter dem selbstgesteckten Ziel geblieben. Notwendige Einsparungen seien ohne Abstriche am Gesamtprojekt möglich geworden. Der Architekt habe sich einverstanden erklärt, dass auch nur noch ein Zugang zum Tiefbahnhof völlig ausreichend sei, auch auf eine Rolltreppe könne man verzichten.
31. Dezember, 17.48 Uhr
Stuttgart – OB Schuster und S-21 – Sprecher Drexler treten vor die Presse und äußern „tiefe Genugtuung“ . Sie kritisieren erneut die Gegner des Projekts. „Hemmers ned scho emmer gsagt“ entfährt es Drexler spontan.
31. Dezember, 18.01 Uhr
Berlin/Stuttgart – Nach einer Eilmeldung von dpa soll Bahnchef Grube nach dem offiziellen Ende seiner Pressekonferenz gegenüber ausländischen Journalisten mit einem schelmischen Lächeln erklärt haben: „4,49 ist Ultimo.Den Rest zahlt der Schuster“. Eine offizielle Bestätigung fehlt zunächst.
31. Dezember, 18.04 Uhr
Stuttgart – OB Schuster und S 21 – Sprecher Drexler treten erneut vor die Presse, bleich aber dennoch gefasst. Schuster spricht von lösbaren kleineren Problemen. Er werde mit gutem Beispiel vorangehen und sein Wohnhaus im Stuttgarter Osten als Sicherheit für S 21 anbieten. Gleichzeitig werde er auf seinen jährlichen Skiurlaub verzichten, ebenso auf die jährlich sich anschließende Reha in der Sportklink. Drexler bezeichnet Schusters Vorgehen als „beispielhaft“.
31. Dezember, 18.11 Uhr
Pforzheim – Der designierte Ministerpräsident Mappus lässt seinen Sprecher erklären, nach diesen dramatischen Entwicklungen sehe er nur noch eine Möglichkeit: den Ausstieg aus S 21. „Baden-Württemberg ist größer als Stuttgart“ wird sein Sprecher zitiert.
31. Dezember, 18.17 Uhr
Stuttgart – Nach einer Blitzumfrage des SWR hat sich der Bekanntheitsgrad des künftigen Ministerpräsidenten Mappus von 3 % auf 84 % erhöht.
31. Dezember, 18.30 Uhr
Stuttgart – Die Bürger Baden-Württembergs sehen fern. „Dinner for one“
31. Dezember, 19.00 Uhr
Stuttgart – OB Schuster tritt wieder vor die Presse, bleich und etwas trotzig. Er erklärt den Rücktritt von allen politischen Ämtern. Er und seine Frau wollen sich ein ehemaliges Bahnwärterhäuschen bei Wendlingen kaufen. Dort wolle er seine Lebenserinnerungen schreiben. S 21 – Sprecher Drexler nennt diesen Schritt „vorbildlich“.
31. Dezember, 23.59 Uhr
Stuttgart – Auf dem Schloßplatz und in der Königsstraße hat sich eine unüberschaubare Menschenmenge versammelt. Vor dem Bonatz-Bau sind Sprechchöre und Gesänge zu hören, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und erwarten das Feuerwerk.
1. Januar 0:37 Uhr
Stuttgart – Ein etwas verwirrt wirkender Mann irrt durch den Bahnhof. In der Hand hält er eine Bahnfahrkarte nach Bratislava. Der Mann gibt an, sein Name sei Drexler und werde jetzt am anderen Ende der Hochgeschwindigkeitsmagistrale dringend gebraucht. Die Passanten lachen und lassen den Mann stehen.
1. Januar 3:46 Uhr
Stuttgart – Die Stadt ist ruhig und friedlich.